Sind Patientenverfügungen nur beschränkt sinnvoll?

Wie sinnvoll sind PratientInnenverfügungen im Alltag? Dieser Frage ist kürzlich der Tages-Anzeiger in einem lesenswerten Beitrag nachgegangen. Dabei bezieht sich die Zeitung auch auf die Nationalfondsstudie «Selbstbestimmung am Lebensende», die kürzlich veröffentlicht wurde.

Nationalfondsstudie bezweifelt Nutzen von Patientenverfügungen

Regina Aebi-Müller, Mitautorin der Studie sagt im TA-Beitrag: «Wenn ich Studierende im Hörsaal frage, ob sie nach einem schweren Unfall als Tetraplegiker weiterleben wollten, antwortet die Hälfte mit Nein. Doch ein direkt Betroffener gewinnt dem Leben möglicherweise noch etwas ab. Für Gesunde ist es schwierig zu beurteilen, ob sie mit reduzierten Möglichkeiten nicht doch weiterleben wollen. Für Gesunde machen deshalb Patientenverfügungen wenig Sinn.» Sie selber habe – wie auch die meisten Ärzte – keine und empfehle stattdessen, eigene Wert- und Lebensvorstellungen mit den nächsten Angehörigen oder dem Hausarzt zu besprechen, meint Aebi-Müller. Seit einigen Jahren hat der Prozentsatz der Menschen mit einer Patientenverfügung aber dennoch laufend zugenommen. Heute verfügen rund ein Fünftel aller Patientinnen und Patienten über eine solche Verfügung.

Die Idealvorstellung vom selbstbestimmten Sterben sei in den meisten Fällen eine Illusion, heisst es im TA-Beitrag weiter. Einerseits haben die ÄrztInnen bei Notfällen oft keinen Zugriff auf die Verfügung, anderseits sind die Verfügungen für den konkreten Fall nur schwer umzusetzen und ausserdem lassen sich die eigenen Wünsche zur Behandlung von schweren Erkrankungen auf einem Formular Jahrzehnte im Voraus kaum präzise regeln. Dennoch sind die Patientenwünsche aber für die Ärzte ­juristisch bindend. Das führt zu ethischen Konflikten, die die Ärzte oft vor schwer lösbare Probleme stellt.

ÄrztInnen verlängern Leben nicht um jeden Preis

Der Intensivmediziner Tobias Merz lässt sich im TA-Artikel wie folgt zitieren: «Der Anlass für eine Patientenverfügung ist häufig die irrige Meinung, dass wir so lange wie immer möglich das Leben verlängern. Doch unser Ziel ist ein Überleben mit einer vernünftigen Lebensqualität. Wir reanimieren niemanden, nur um ihn in einem unheilbaren Zustand so lange wie möglich am Leben zu erhalten.»

Viele Verfügungen definieren aber hauptsächlich, welche Art von Behandlungen oder lebensverlängernden Massnahmen die PatientIn nicht möchte. Viel sinnvoller wäre es aber, festzulegen, welche erwünschte „Über-„Lebensqualität angestrebt wird. Wenn jemand festhalte, dass er nicht ins Pflegeheim wolle, sagt Merz, dann verzichteten die Ärzte auf lebenserhaltende Massnahmen, wenn die Schädigung nach einem Hirnschlag so gross seien, dass ein selbstständiges Leben ausgeschlossen sei. Nur: Jahre voraus festgeschrieben in einer Verfügung, ist auch eine solche Feststellung nur schwer zu interpretieren. Denn im konkreten Fall macht es einen grossen Unterschied, ob der Hirnschlag jemandem im hohen Alter und ohne lebende Angehörige passiert oder einer jüngeren Mutter mit Familie.

Die Nationalfonds-Studie zeigt jedoch, dass der Wunsch, über den eigenen Tod bestimmen zu können, bei vielen Menschen gar nicht so ausgeprägt ist. Darum fordern die Forscher um die Luzerner Zivilrechtlerin Regina Aebi-Müller jetzt neue Patientenverfügungen. Hören Sie dazu den Audio-Beitrag im Rendez-Vous von SRF1:

mediX-Gesundheitsdossier

Im Gesundheitsdossier «Patienten haben Rechte» von mediX – das Sie hier als PDF herunterladen können – findet sich zum Thema „Patientenverfügung und Vertretung bei Urteilsunfähigkeit“ folgendes: «Für den Fall, dass Sie nicht mehr in der Lage sein sollten, selbst eine Entscheidung zu treffen, können Sie entweder eine Stellvertretung bestimmen oder Ihren Willen in einer Patientenverfügung festhalten (oder beides). Patientenverfügungen schaffen Klarheit und verpflichten die von Ihnen gewählte Stellvertretung, sowie Angehörige, Pflegepersonen und Ärzte, Sie auch dann noch in Ihrem Sinne zu behandeln, wenn Sie selber nicht mehr entscheidungsfähig sind. So können Sie zum Beispiel bestimmen, welche lebensverlängernde Massnahmen man bei Ihnen unterlassen soll, ob Sie einer Organentnahme zustimmen oder nicht.

Sie können auf Ihrer Versichertenkarte einen Vermerk anbringen lassen, der dokumentiert, dass eine Patientenverfügung erstellt wurde und wo diese hinterlegt ist. Sind Sie urteilsunfähig und ist nicht bekannt, ob eine Patientenverfügung vorliegt, so muss die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt dies anhand der Versichertenkarte abklären.

Liegt keine Patientenverfügung vor, sind im Falle Ihrer Entscheidungsunfähigkeit der Reihe nach folgende Personen berechtigt, in Ihrem Namen medizinischen Massnahmen zuzustimmen oder sie abzulehnen: eine von Ihnen ausdrücklich bestimmte Stellvertretung, Ehepartner oder eingetragener Partner, der Lebenspartner, der im gleichen Haushalt lebt, Nachkommen, Eltern und Geschwister, sofern diese Ihnen regelmässig und persönlich Beistand leisten. Bei Unklarheiten oder Konflikten, aber auch für völlig Alleinstehende, die weder eine Stellvertretung bestimmt noch eine Patientenverfügung erstellt haben, ist die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Ihres Wohnortes zuständig.» Im Gesundheitsdossier finden Sie übrigens auch Adressen, über die Sie Vorlagen für PatientInnenverfügungen beziehen können.

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Ein Kommentar zu Sind Patientenverfügungen nur beschränkt sinnvoll?

  1. Thomas sagt:

    Das ist ein sehr sensibles Thema, das für viel Polemik in der ganzen Welt sorgt. Was aber Patientenverfügung angeht, ist es gut, dass es solche Möglichkeit besteht. Dabei muss aber jeder selber entscheiden.

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