Überversorgung kostet Geld und kann Schaden anrichten

Rund 20 bis 30 Prozent der Gesundheitskosten werden durch Behandlungen verursacht, die medizinisch nicht angezeigt sind, schrieb kürzlich die Schweizerische Ärztezeitung in ihrem Beitrag «Mehr ist nicht immer ein Plus». So steige beispielsweise die Zahl gelenkchirurgischer Eingriffe weit stärker, als dies epidemiologisch durch die Alterung zu erklären sei. Und in gewissen Schweizer Spitälern würden bis zu 70 Prozent der elektiven Herzkatheteruntersuchungen vorgenom­men, ohne dass pathologische Befunde vorliegen.

smarter medicine, ein Verein, der sich zum Ziel gemacht hat, mit wissenschaftlich abgestützten Empfehlungen dazu beizutragen, dass in der Medizin Unnötiges weggelassen wird, ist davon überzeugt, dass im schweizerischen Gesundheitssystem heute Anreize bestehen, die PatientInnen kränker zu machen, als sie sind. Mit anderen Worten: Über- und Fehlversorgung in der Medizin richten mehr Schaden an, als dass sie nützen. Deshalb veröffentlichen immer mehr medizinische Fachgesellschaften weltweit Top-5-Listen mit medizinischen Massnahmen, die meistens überflüssig sind. Die Empfehlungen sind wissenschaftlich geprüft.

Der Verein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland» hat neben vielen anderen Massnahmen diese Listen von Fachgesellschaften mit unnötigen Behandlungen so umgeschrieben, dass sie auch medizinische Laien verstehen. Im Mittelpunkt steht aber das Gespräch zwischen Behandelnden und Behandelten.

Ein Grund für die Überversorgung sei in der zunehmenden Spezialisierung zu suchen, schreibt die Schweizerische Ärztezeitung in ihrem Artikel. Und weiter: «Eine weitere Ursache dürfte in der fragmentierten und wenig koordinierten Versorgung zu finden sein. Das schweizerische Tarifsystem wirkt ebenfalls als Treiber hin zur Überversorgung, da sich Geld durch zusätzliche Untersuchungen und Behandlungen verdienen lässt.» Im SÄZ-Beitrag werden auch die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von PatientInnen publiziert: Demnach sind rund die Hälfte aller Befragten der Meinung, dass sie oder jemand aus ihrem Umfeld schon einmal oder gar mehrfach eine Behandlung erhalten habe, welche nicht notwendig gewesen wäre. Gemäss der Umfrage, nannten die Befragten als Hauptmassnahmen

  • eine einfachere Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen,
  • bessere, allgemein zugängliche Informationen zu möglichen Alternativen sowie
  • mehr Zeit beim Gespräch mit der behandelnden Ärzteschaft.
  • und rund 30 Prozent der Befragten forderten Sanktionen gegen Ärztinnen und Ärzte, die zu viel machen.

Der Präsident der SAMW im Interview zum Thema

Daniel Scheidegger kämpft gegen medizinische Fehl- und Überversorgung. Er ist im Vorstandsmitglied des Vereins Smarter Medicine sowie Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Von 1998 bis 2013 war er Chefarzt für Anästhesie und Intensiv­medizin am Universitätsspital Basel. In einem lesenswerten Interview im Tages-Anzeiger äusserte er sich kürzlich ausführlich zum Thema. Als krasse Beispiele für systematische Fehl- oder Überversorgung nennt er:

  1.  das Verschreiben von Antibiotika bei einem viralen Infekt, weil diese Mittel nur gegen Bakterien wirken.
  2. Benzodiazepine als Schlafmittel erster Wahl bei älteren Menschen. Diese Medi­kamente können süchtig machen, zudem steigt das Risiko für Verkehrsunfälle und Stürze.
  3. eine Routine-Röntgen-Untersuchung vor operativen Eingriffen.

mediX arbeitet mit Guidelines

Zur Vermeidung von Überversorgung und unnötiger Behandlungen arbeiten mediX-Ärzte schon seit Jahren mit medizinischen Guidelines, basierend auf wissenschaftlicher Evidenz und langjähriger Erfahrungswerte aus der ärztlichen Praxis. Diese von mediX mit grossem Aufwand und Engagement erarbeiteten Guidelines sind öffentlich und können hier eingesehen werden.

Dieser Beitrag wurde unter Arzt als Beruf, Politik & Gesundheit, Über mediX veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.
Dein Kommentar wird von der Blog-Redaktion geprüft und und erscheint erst nach der Freigabe.

Spamschutz * Frist ist abgelaufen. Bitte laden Sie den Spamschutz erneut.