Was ist eigentlich mit dem elektronischen Patientendossier los?

In seinem Newsletter schreibt das online-Magazin Republik über die lange und leidvolle Geschichte des elektronischen Patientdossiers in der Schweiz: «Die letzten Blutwerte, das Rezept für Betablocker, der Verweis auf Allergien – digital erfasst und überall verfügbar: Das elektronische Patientendossier, kurz EPD, sollte das Schweizer Gesundheitswesen auf einen Schlag ins 21. Jahrhundert katapultieren. Und Patientinnen die Kontrolle über ihre Gesundheitsdaten, Spitälern und Ärztinnen einen schnellen Überblick über die Krankengeschichten und den Krankenkassen tiefere Kosten bringen. So weit die Idee und der Plan. Herausgekommen ist ein gigantischer Murks.»

Eigentlich sollte es in diesem Frühjahr kommen; nun wurde die Lancierung auf 2021 verschoben. Und gemäss Republik sei es unklar, ob das Patientendossier je praxistauglich werde. Viele Ärzte verweigerten eine Teilnahme, die Kantone mischten mit, viele Gesundheitsverbände, und auch Swisscom und Post witterten mit ihren E-Health-Abteilungen das grosse Geschäft. Denn, so die Republik: «Es geht um die Digitalisierung eines 70-Milliarden-Franken-Markts, in dem (….) auch im Jahr 2020 immer noch mit Faxgeräten operiert wird.»

Der Republik-Autor Florian Wüstholz hat das EPD auf Herz und Nieren untersucht und stellt eine niederschmetternde Diagnose: Das kranke Dossier – ist eigentlich tot.

Zum gleichen Thema hat auch der PCtipp einen aufschlussreichen Kommentar von Claudia Maag veröffentlicht.

Für alle, die nicht den ganzen Artikel lesen mögen, haben wir hier die sieben Gründe für Florian Wüstholzs dramatisches Fazit zusammengefasst:

  1. Zu viele Player sind involviert. Bei der CH-Lösung des EPD handelt es sich nämlich nicht um eine zentrale Datenbank, sondern um eine komplexes Netz mehrerer sogenannter Stammgemeinschaften.
  2. Den Ärztinnen und Ärzten drohen rechtliche Unsicherheiten. Denn noch ist unklar, welche Unterlagen überhaupt zu den ‹behandlungsrelevanten› Dokumenten gehören, die gemäss Gesetz ins elektronische Patientendossier gestellt werden müssen.
  3. Das System überfordert die Patientinnen und Patienten. Mit der Möglichkeit, am eigenen Dossier umfangreiche Privatsphären-Einstellungen vornehmen zu können und einer detaillierten Verwaltung der Zugriffsrechte  wollte man das Vertrauen gewinnen. Von diesen Möglichkeiten dürften aber viele Anwender überfordert sein und einen hohen Aufwand erfordern, den viele nicht zu leisten bereit sein werden.
  4. Der Datenschutz ist ungenügend. Der Datenaustausch erfolgt nach aktuellem Stand des Projekts nicht mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, sofern die Patientinnen oder Patienten den Schlüssel zu ihren Daten nicht explizit an bestimmte Ärztinnen und Ärzte geben.
  5. Die Dezentralisierung ist unecht. Zu Beginn war das EPD als dezentrales Projekt mit 20 bis 40 Stammgemeinschaften geplant; heute sind es noch acht und es ist fraglich, ob es dabei bleibt. Zudem laufen praktisch alle Daten über die Datenbanken von zwei grossen, halbstaatlichen Firmen (Swisscom, Schweizerische Post); nur eine Stammgemeinschaft nutzt dafür eine private Firma.
  6. Das Patientendossier ist nicht wirklich freiwillig. Damit das EPD auch wirklich sinnvoll genutzt werden kann, braucht es eine kritische Massen von teilnehmenden Patientinnen und Patienten. Vorerst müssten aber die Patientendossiers primär in Apotheken oder Spitälern eröffnet werden, da aktuell viele Ärztinnen und Ärzte sich erfolgreich gegen eine Beteiligungspflicht gewehrt haben. Die meisten Patientinnen und Patienten möchten sich lieber im Internet oder beim Haus­arzt mit einem EPD ausrüsten lassen. Ohne Hausärzte wird das EPD also einen schweren Stand haben.
  7. Auf den Markt kommen Minimallösungen. Bei vielen Stammgemeinschaften ist die Finanzierung – trotz Anschubfinanzierung durch den Bund – knapp. Selbst die Swisscom schätzt, dass sie ihre Entwicklungskosten über den Verkauf nicht vollständig refinanzieren kann. Als Folge davon, dürften die Anbieter mit unattraktiven Minimallösungen auf den Markt kommen. Es besteht also die Gefahr, dass die Dossier-Lösungen zu Beginn wenig Begeisterung hervorrufen werden.
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