Die Zukunft des Schweizer Gesundheitssystems

Unser Gesundheitssystem kränkele und müsse sich neu erfinden, wobei ihm die soziale und politische Intelligenz helfen werde, diesen Wandel zu schaffen, schreibt der ehemalige Staatssekretär für Bildung und Forschung sowie Direktor der Abteilung öffentliches Gesundheitswesen im Kanton Waadt und des Waadtländer Universitätsspitals CHUV, Charles Kleiber, in seiner Einleitung zu seiner schonungslosen Analyse. Er äussert sich aber überzeugt, dass die Schweiz dank dem Experimentierartikel zu einem «Labor für den Wandel im Gesundheitswesen» werden könnte.

Zu viel versprochen, zu wenig gehalten

Das System habe zu viel versprochen, schreibt Kleiber: «Angetrieben durch die technologische Innovation, gefangen in einer mangelhaften Regulierung und in widersprüchlichen Anreizen, gelähmt durch Partikularinteressen ist es nicht mehr in der Lage, die Kosten zu beherrschen und die Zweckmässigkeit seiner Leistungen zu garantieren. Es sollte die Selbstständigkeit der Patienten fördern und unterhält ihre Abhängigkeit. Es sollte ihnen ein Leben mit der Krankheit ermöglichen und hat das menschliche Leben medikalisiert, den Tod zum Misserfolg erklärt. Es sollte eine soziale Investition sein und ist zu einer Belastung geworden. Es sollte ein Ausdruck von Solidarität sein und ist durch ein ‹Jeder-für-sich› bedroht, verliert zunehmend seinen egalitären Charakter.»

Das Schweizer Gesundheitssystem stehe mitten in einer Krise. Diese könne aber auch die Kraft und den Mut geben, das Modell und die Kultur unseres Gesundheitswesens in Frage zu stellen. Um die Qualität der Pflege zu bewahren, die Digitalisierung vorzubereiten und ein nachhaltiges und somit gerechteres, effizienteres, demokratischeres und finanziell tragbareres Gesundheitssystem einzuführen, sind grundlegende Reformen gefragt. Die medizinische Versorgung trage aber mit einem Anteil von bloss rund 10 – 20 Prozent nur einen kleinen Anteil zur Gesundheit bei, koste aber ein Vermögen. Viel wichtiger seien aber Kultur, Bildung, Wirtschaft und Ernährung (40 – 50 Prozent), Umwelt (ca. 20 Prozent) und genetische Veranlagung (20 – 30 Prozent):

Dazu brauche es mehr soziale Intelligenz als technologische Innovation, mehr organisatorische Kreativität als neue Moleküle. Dieser Paradigmenwechsel könne nur langfristig vollzogen werden und müsse sich auf alle Massnahmen stützen, die auf ökologische Dringlichkeit abzielen und das Gemeinwohl wiederherstellen wollen, schreibt Kleiber.

Viel Hoffnung auf den Experimentierartikel

Angesichts der Schwierigkeit und der Dringlichkeit, das Gesundheitswesen zu reformieren,

habe sich eine vom Eidgenössischen Departement des Innern beauftragte Expertengruppe dafür ausgesprochen, einen Experimentierartikel (Artikel 59bis) ins Krankenversicherungsgesetz aufzunehmen. Mit ihm «soll eine klare rechtliche Grundlage für die Durchführung von innovativen Pilotprojekten geschaffen werden, mit denen insbesondere Massnahmen zur Eindämmung des Kostenwachstums geprüft werden können».

Kleiber hofft, dass die Umsetzung eines neuen Artikels 59bis im Gesundheitswesen ein Experimentierfeld eröffne, um konkrete Lösungen zu erleben und auszuwerten. Diese pragmatische Methode solle alle Kräfte bündeln, die guten Willens sind, die Konvergenz der Interessen fördern und die organisatorische Kreativität beflügeln, die durch jahrelange Blockade und Ohnmacht erstickt wurde. Der Bundesrat habe diesen Vorschlag, der offenbar auf grosses Interesse stosse, vor Kurzem in die Vernehmlassung geschickt – und bei vielen Pflegekräften und Nutzern des Gesundheitswesens Begeisterung ausgelöst.

Lesen Sie den ganzen Artikel von Charles Kleiber im SAMW-Bulletin (Bulletin der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften), das auch sonst wiederum viel Lesenswertes enthält.

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