Der Arzt und sein Umgang mit Sterben und Tod

Im Juni 2018 hat die SAMW die medizin-ethischen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» in Kraft gesetzt. Die Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» wurden von einer breit abgestützten Subkommission erarbeitet. Diese berücksichtigte die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms Lebensende (NFP 67) und stützte sich u. a. auf die Studie «Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe». In der öffentlichen Vernehmlassung (November 2017 bis Februar 2018) wurden die Richtlinien mehrheitlich positiv bewertet. Auch der Senat der SAMW – dem vorwiegend Ärztinnen und Ärzte angehören – nahm sie im Mai 2018 klar an.

Die FMH, der der Dachverband von über 70 Ärzteorganisationen, diskutierte am 25. Oktober 2018, ob  die Richtlinien in den Anhang der Standesordnung aufgenommen und damit für ihre Mitglieder verbindlich werden sollen.

UPDATE (26. Oktober 2018): Die Ärztekammer der FMH hat entschieden, die medizin-ethischen Richtlinien «Umgang mit Sterben und Tod» der SAMW nicht in den Anhang der Standesordnung zu übernommen. Die FMH begründet ihren negativen Entscheid damit, dass die Richtlinien «unerträgliches Leiden» als Voraussetzung für die Suizidhilfe definieren. Dies sei ein unbestimmter Rechtsbegriff, aus dem für die Ärzteschaft eine grosse Rechtsunsicherheit resultiere.

Die SAMW (Akademien der Wissenschaften Schweiz) betont in den Einleitungen zu den Richtlinien, «dass die Behandlung, Betreuung und Begleitung von PatientInnen, die mit dem eigenen Sterben konfrontiert sind, eine zentrale Aufgabe der Medizin ist, die hohen Respekt vor der Würde und dem selbstbestimmten Willen der PatientIn und grosse ethische Verantwortung erfordert. Ihre Erfüllung muss von den Prinzipien der Palliative Care geprägt sein.» Darunter versteht man ein umfassendes Konzept zur Beratung, Begleitung und Versorgung schwerkranker Menschen jeden Alters mit einer nicht mehr zu heilenden Grunderkrankung. Sie gewinnt in der Sterbephase eine herausragende Bedeutung.

Drei Arten von Handlungen im Umfeld von Sterben und Tod

Die SAMW-Richtlinien teilen die möglichen Handlungen medizinischer Fachpersonen im Umgang mit Sterben und Tod in drei Kategorien ein:

  • Handlungen, die mit den allgemein anerkannten Zielen der Medizin übereinstimmen und damit grundsätzlich zum Aufgabenbereich aller medizinischen Fachpersonen gehören (Kap. 6.1.);
  • Handlungen, die kontrovers diskutiert werden und deren Ausführung Ärztinnen vorbehalten bleibt, die im Einzelfall zur persönlichen Überzeugung gekommen sind, dass diese dem Wohl ihrer Patientin dienen. Die Ärztin handelt dabei in Eigenverantwortung und kann keinesfalls zu solchen Handlungen verpflichtet werden. Wenn diese durchgeführt werden, müssen bestimmte Regeln eingehalten werden, die sicherstellen, dass gemäss dem Willen einer urteilsfähigen Patientin gehandelt wird (Kap. 6.2.);
  • Handlungen, die dem Schweizer Gesetz widersprechen und damit verboten sind (Kap. 6.3.).

Die Richtlinien vermitteln in einem ersten Abschnitt ethische Grundsätze (Kap. 2.). Darauf folgen Hilfestellungen zum Gespräch mit der Patientin über Sterben und Tod (Kap. 3.) und über Sterbewünsche (Kap. 4.). Kap. 5. enthält Richtlinien zu den Entscheidungsprozessen und Kap. 6. zu den Handlungen, die möglicherweise oder sicher den Eintritt des Todes beschleunigen. Am Schluss steht ein Glossar der wichtigsten verwendeten Begriffe. Die den Richtlinien zugrunde liegenden Definitionen sowie Überlegungen zu den Zielen der Medizin sind im Kap. 2. des Anhangs zu finden.

Die drei Grundsätze der Richtlinien

Die Ausrichtung der Richtlinien ist von drei Grundsätzen geprägt:

  • Erstens soll bei jeder medizinischen Handlung im Umgang mit Sterben und Tod gemeinsam mit der Patientin bzw. der Vertretungsperson klar definiert werden, welches Ziel im Hinblick auf den Todeszeitpunkt angestrebt wird: Soll dieser nach Möglichkeit noch hinausgeschoben werden, soll er unbeeinflusst bleiben und der Tod akzeptiert werden, wenn er aufgrund des Krankheitsverlaufs eintritt, oder ist seine raschere Herbeiführung beabsichtigt?
  • Zweitens ist die Selbstbestimmung der urteilsfähigen Patientin zu achten. Die Umsetzbarkeit selbstbestimmter Willensäusserungen kann allerdings durch die Rechte anderer, mitbetroffener Personen – seien dies Angehörige oder medizinische Fachpersonen – begrenzt werden.
  • Drittens müssen vulnerable Patientinnen, die sich mit Sterben und Tod auseinandersetzen, davor geschützt werden, dass von ihnen geäusserte Wünsche unkritisch erfüllt werden, wenn Hinweise darauf bestehen, dass diese nicht ihrem aufgeklärten, freien und wohlüberlegten Willen entsprechen.

Heftige Debatten über das Thema Sterbehilfe

Das Kapitel zur Suizidhilfe (Kap. 6.2.1) löste  in den letzten Wochen eine engagierte öffentliche Debatte aus. Mit der Veröffentlichung von fünf Kernbotschaften hat die SAMW dieses kontrovers und isoliert diskutierte Kapitel wieder in den Gesamtzusammenhang gestellt. Darin stellt sie klar:

  1. Der rechtliche Rahmen zur Suizidhilfe wird nicht durch die SAMW-Richtlinien, sondern durch das Strafgesetzbuch definiert.
  2. Berufsethische Leitlinien zur ärztlichen Suizidhilfe sind nötig.
  3. Die neuen Richtlinien bieten klare, realistische Leitplanken für die ärztliche Suizidhilfe und formulieren engere Grenzen als das Gesetz
  4. Bei Personen, die nicht urteilsfähig sind, ist Suizidhilfe nicht zulässig.
  5. Beihilfe zum Suizid bleibt eine Ausnahmesituation und die Richtlinien zeigen Alternativen auf.

Die vollständigen Richtlinien können Sie hier als PDF herunterladen. Eine ausführlichere Version der fünf Kernbotschaften im Zusammenhang mit der darüber geführten, heftigen Debatte können Sie hier als PDF herunterladen.

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Ein Kommentar zu Der Arzt und sein Umgang mit Sterben und Tod

  1. Glaccief sagt:

    Wenn sich der Zustand des Patienten während der Behandlung durch den Fehler des Arztes verschlechtert hat, aber wurde dies jedoch nicht nachgewiesen. Ist das eine Straftat?

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