Wie die Mär vom Handy-Horn um die Welt geht

Im Februar 2018 veröffentlichte das Fachblatt Scientific Reports eine Studie der beiden Autoren David Shahar, ein Chiropraktiker, und Mark G.L. Sayers, ein Professor für Biomechanik. Beide arbeiten an der „University of Sunshine Coast“ in Queensland, Australien. Anhand von Tausenden von Schädel-Röntgenbildern von Menschen zwischen 18 und 86 Jahren haben die beiden Wissenschafter an der Stelle, an welcher der Schädel in den Nacken übergeht, knöcherne Erhebungen festgestellt. Ein Höcker an dieser Stelle sei normal und trete vor allem bei älteren Menschen auf, die über Jahre hinweg starken körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, schreiben die Forscher.

Überraschend – so das Ergebnis der Studie – sei aber die Häufung des knöchernen «Horns» bei jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Die Vermutung der beiden Autoren: dies könne eine Folge der gekrümmten Haltung beim Benutzen von Smartphones und Tablets sein. Diese unnatürliche Haltung belaste die Muskeln und Sehnen am Schädel derart, dass der Körper schon im frühen Lebensalter eine knöcherne Erhebung ausbilde.

Diese gewagte These hat anfangs des Sommerlochs dieses Jahres – ausgelöst durch einen Artikel in der Washington Post – einen wahren Tsunami an Medienberichten ausgelöst und in den sozialen Medien extremen Widerhall gefunden. Schlagzeilen wie «Unsere HandySucht lässt uns Hörner wachsen – kein Witz», «Smartphone-Nutzern wachsen neue Knochen am Kopf». «Forscher warnen vor Horn am Schädel durch Handy-Nutzung» oder die Headline in der Washington Post «‘Horns’ are growing on young people’s skulls. Phone use is to blame, research suggests.» jagten um die Welt; die renommierte BBC titelte Mitte Juni 2019  «How modern life is transforming the human skeleton» ;Begriffe wie «Head Horns» oder «Phone Bones» wurden kreiert.

Doch was hat es mit dem Hype auf sich? Wie seriös ist die Studie? Müssen wir unseren Smartphone Einsatz wegen der Phone Bones einschränken? Nehmen wir wirklich Schaden, wenn wir unser Handy zu häufig nutzen? Nachdem sich der Rauch etwas gelegt hat, sind dann auch etwas moderatere Beiträge erschienen. Kritisiert wurde die Studien-Anlage. Die Studie sei auf der Basis von Röntgenbildern erstellt worden von Menschen, die wegen Nackenproblemen in eine chiropraktische Klinik aufgesucht hätten. Wie und ob sich die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragen liessen, sei unklar.

Ausserdem wurde auch die Interessenbindung einer der beiden Autoren bemängelt: dieser vertreibt nämlich Gesundheitskissen gegen Nackenbeschwerden. Und last but not least haben auch die Studienautoren in ihrem Artikel darauf hingewiesen, dass der Zusammenhang mit dem von ihnen festgestellten Hirn-Knochen mit einer vermehrten Handy-Nutzung nur eine mögliche Hypothese sei; die effektive Nutzung von Smartphones und Pads der Probanden wurde nämlich gar nicht erfasst.

Zweifel an der Studie formuliert gemäss einem kritischen Beitrag im Stern auch der Neurochirurge David Langer im Gespräch mit der New York Times: «Ich habe bislang noch kein solches Horn gesehen, und ich fertigte viele Röntgenbilder an. Ich hasse es, ein Neinsager zu sein, aber das Ganze scheint mir ein bisschen weit hergeholt.»

Eine schöne Sommergeschichte ist der Head-Horns-Hype aber allemal – und wieder einmal eine Story, die zeigt, wie leicht sich heute solche Studien verbreiten, wenn sie ein Thema betreffen, über das viele Leute gerne Negatives hören.

 

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