PatientInnen sollen mitentscheiden

Nicht alles, was man tun könne in der Medizin, sei auch sinnvoll, meint Professor Dr. med. Christoph A. Meier, ärztlicher Direktor und stv. Spitaldirektor des Universitätsspitals Basel, in einem Interview mit Magazin „dialog“ der CSS.

Für die medizinischen Behandlungen sollten die Werte, Bedürfnisse und Präferenzen des Patienten ausschlaggebend sein. PatientInnen könnten Entscheidungen in ihrem Interesse aber nur fällen, wenn sie neben den Vorteilen auch über die Nachteile von Behandlungen informiert sind, sagt Dr. Meier im Interview sinngemäss. Er plädiert deshalb für so genanntes Shared-Decision-Making (SDM) – oder eben für gemeinsame Entscheidungsfindung.

Nicht alles machbare sei auch sinnvoll. Für einen Menschen, der aufgrund seines schwachen Herzens nicht mehr spazieren könne und dessen Schmerzen sich mit Medikamenten gut senken lassen, biete z.B.  ein neues Hüftgelenk keinen Mehrwert. Damit eine PatientIn aber darüber mitentscheiden könne, müsse sie oder er gut über die Vor- und Nachteile informiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür seien die PSA-Tests (einfache Blut-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs). Wenn man 1000 Männer zwischen 55 und 69 Jahren während 10–15 Jahren mittels PSA-Test untersuche, könnten 1–2 Todesfälle wegen Prostatakrebs vermieden werden. Die Test führten aber in fast 10 Prozent der Fälle zur Entfernung oder Bestrahlung der Prostata mit wesentlichen Nachteilen für die betroffenen Patienten. Zusammen mit diesem gelte es nun, herauszufinden, ob er das leicht geringe Risiko, an Prostatakrebs zu sterben (1:1000), höher gewichte als das Risiko, mögliche Operationsfolgen wie Inkontinenz und Impotenz in Kauf zu nehmen.

Im Interview zeigt Dr. Meier auch auf, warum Shared-Decision-Making sich im medinischen Alltag nicht rasch genug durchsetzt: «Unser Versorgungssystem und dessen ökonomische Incentivierung sind heute generell auf das Durchführen des medizinisch Machbaren ausgelegt, und es gibt wenige systemische Anreize, etwas nicht zu machen. Beim SDM geht es aber gerade auch darum, medizinische Massnahmen zu unterlassen, wenn deren Mehrwert gemäss den Präferenzen des Patienten sehr klein ist. Die Diskussion und das gemeinsame Abwägen zwischen Arzt und Patient finden heute oft zu wenig systematisch und strukturiert statt, ist doch SDM zeitintensiv und kommunikativ höchst anspruchsvoll. Man benötigt für ein komplexes SDM-Gespräch, wie z.B. für ein PSA-Screening, leicht auch einmal eine halbe Stunde; ein PSA-Test ist aber heutzutage schneller durchgeführt, als mit dem Patienten die Vor- und Nachteile des Tests zu besprechen.»

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