Wie sich Schwerkranke auf den Tod vorbereiten

Welche Rechte und welche Möglichkeiten haben PatientInnen, ihre eigenen Entscheidungen in Bezug auf das Leben und das Lebensende zu treffen und durchzusetzen? Wie nützlich sind Patientenverfügungen? Welche Erfahrungen machen wir damit? Spiegeln sie die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen und geben klare und realistische Handlungsanweisungen an die Fachleute, wenn es darauf ankommt? Solche und ähnliche Fragen rund um Patientenverfügungen beschäftigten die rund 150 Fachpersonen an der Tagung von palliative zh+sh in Zürich unter dem Titel «Das Unplanbare planen».

Bild: James D. Walder

Bild: James D. Walder

Nicht mehr als ein Papier

Der Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, Josef Widler, vertrat gleich zu Beginn die Meinung, eine Patientenverfügung sei letztlich nicht mehr als ein Papier. Wenn es um die Betreuung am Lebensende gehe, sei das Vertrauen zwischen PatientIn und betreuender Fachperson viel wichtiger. Es brauche den Austausch unter Angehörigen und die Kommunikation zwischen allen Betroffenen und den Fachpersonen. «Zu glauben, mit einer technischen Verfügung könne man das Lebensende regeln, ist ein Irrglaube», sagte Widler.

Dazu kommt: Eine Patientenverfügung, von der niemand weiss, nützt nichts. Barbara Federspiel, Chefärztin Innere Medizin am Seespital Horgen, sieht eine Patientenverfügungen als ein geeignetes Instrument, die eigenen Wünsche zu formulieren. Sie empfiehlt aufgrund ihren Erfahrungen im Klinikalltag, konkrete Beispiele zu formulieren und zu erklären, was man unter Begriffen wie beispielsweise «dement», «senil» oder «selbständig» genau verstehe.

«Das Thema wird immer weiter hinausgeschoben»

Im Podiumsgespräch strich die ärztliche Leiterin der Notfallstation am USZ, Dagmar Keller Lang einen zentralen Punkt heraus: «Das Thema wird mit unserer hoch spezialisierten und technisierten Medizin einfach immer wieder hinausgeschoben und verzögert. Am Ende hat man den Zeitpunkt, um übers Sterben zu reden, schlicht verpasst.» Ausserdem, so Keller Lang: «Die Patientenverfügungen müssten einfacher, klarer und lesbarer werden für die Patienten.»

Interessant auch die Tatsache, dass von den anwesenden Teilnehmenden nur ein sehr kleiner Teil selber eine Patientenverfügung aufgesetzt hatte. Dem gegenüber gab eine sehr grosse Mehrheit an, mit ihren Angehörigen regelmässig und intensiv über das Thema zu sprechen. Dies zeigte, wie wichtig es ist, Nahestehende für Entscheidungen zu bevollmächtigen, wenn man nicht möchte, dass jene entscheiden, die gesetzlich dafür vorgesehen sind.

Regelmässig erneuern

Die Juristin Brigitte Tag betonte, dass es sehr wichtig sei, eine Patientenverfügung regelmässig zu erneuern, damit ihr Inhalt wirklich den aktuellen Wünschen entspreche und sie auch tatsächlich im entscheidenden Moment ihre Rechtsgültigkeit habe. Tag meinte, die Variante, sich regelmässig mit Entscheidungsbevollmächtigten über die eigenen Wünsche am Lebensende zu unterhalten, sei eine mindestens ebenso gute Variante wie das schriftliche Festhalten dieser Wünsche in einer Verfügung.  In Situationen, in denen es um Entscheidungen am Lebensende gehe, sei es die Aufgabe des Arztes oder der Ärztin – ebenso wie in anderen Situationen –, die Entscheidungsvoraussetzung zu schaffen für die PatientInnen.

Patientenverfügungen zugänglicher machen: Ein konkretes Projekt

Patrizia Kalbermatten, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Dialog Ethik, stellte zum Schluss noch ein konkretes Projekt für Beratungen zu Patientenverfügungen vor. Dialog Ethik, palliative zh+sh sowie die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich wollen damit gemeinsam Patientenverfügungen zugänglicher zumachen. Sie wollen Menschen bestärken, eine Patientenverfügung auszufüllen, wenn sie bereit sind, sich mit dem Thema zu befassen. Andererseits soll vermieden werden, dass widersprüchliche oder unpräzise Aussagen in den Verfügungen festgehalten werden, wie das zurzeit oftmals der Fall ist. Man will darum beim Erstellen einer Patientenverfügung Unterstützung anbieten. Dazu sollen Hausärzte und -ärztinnen sowie Spitex-Mitarbeitende online befragt werden und Interviews mit potenziell Verfügenden durchgeführt werden. Diese Daten bieten dann eine Grundlage für einen Leitfaden mit Orientierungshilfe zum Verfassen einer Patientenverfügung, der in Hausarztpraxen und Spitex-Organisationen verfügbar sein wird.

Mehr zum Thema

Möchten Sie selbst eine PatientInnen-Verfügung verfassen und wissen nicht wie, dann können Sie hier eine gute Vorlage von Dialog Ethik als PDF herunterladen.

Einer der Träger der palliative zh+sh hat kürzlich im Gespräch mit mediXTV Fragen zu diesem Thema beantwortet. Das Interview sehen Sie hier.

Zum  Thema «Das sanfte Sterben – palliative Care in der Schweiz» ist im übrigen in 10vor10 von SRF kürzlich eine vierteilige Sendefolge erschienen, die wir hier nur empfehlen können. Sie zeigt die verschiedenen Aspekte von palliative Care auf sehr sensible Weise auf.

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