Übung macht den Meister – auch bei Operationen

Jeder und jede von uns kennt das aus seiner eigenen Erfahrung. Dinge, die ich häufig tue, gehen mir leichter von der Hand und ich mache dabei weniger Fehler. Das ist so beim Kochen, beim Umgang mit komplizierten Computerprogrammen, beim Autofahren und im Sport. Sportliche Talente werden erst durch regelmässiges Training zu Spitzensportlern. Nur in der Medizin war der Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der Ärzte bestimmte Operationen durchführen können und dem Sterberisiko lange Zeit umstritten.

Nun zeigt aber eine St. Galler Studie, die kürzlich im Swiss Medical Weekly veröffentlicht wurde, anhand der komplexen Bauchchirurgie, das schon leicht erhöhte Anzahl Operationen das Sterberisiko senken. Die Studie von Medizinern rund um Ulrich Müller vom Kantonsspital St. Gallen analysierten die Daten von 18’000 PatientInnen im Zeitraum 1999 bis 2012, die sich Tumore aus Speiseröhren, Magen, Bauchspeicheldrüse oder Rektum entfernen liessen.

Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede: PatientInnen, die sich in grösseren Spitälern mit häufigeren solchen Operationen sank das Sterberisiko je nach Eingriff um 30 bis 60 Prozent. Gemäss der Studie hätten sich also jährlich rund 20 Todesfälle vermeiden lassen, wären die Operationen in einem grösseren Spital durchgeführt worden. Fachleute vermuten, dass die Zahl der tatsächlich vermeidbaren Todesfälle als Folge statistischer Mängel noch höher liegen dürfte.

Erstaunlich ist das eigentlich nicht. Und doch laufen in der Schweiz zum Beispiel Regionalspitäler regelmässig Sturm gegen geplante Erhöhungen von Mindestfallzahlen. Felix Strohmann, Redaktor Wissen bei Tages-Anzeiger, hat sich dazu in seinem Kommentar wie folgt geäussert: «Nachdem die Gesundheitsdirektion (des Kantons Zürich; die Redaktion) Ende August zusätzliche Verschärfungen bei den Mindestfallzahlen verkündet hat, legten (die Regionalspitäler, die Redaktion) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein. Und auf nationaler Ebene torpedieren Spitäler und Politiker seit Jahren den Versuch der Kantone, hoch spezialisierte Operationen im Bereich der Bauch­chirurgie auf grosse Zentren zu konzentrieren. Auch hier geht es unter anderem um Fallzahlen.»

Ob diese Studie allerdings die Regionalspitäler zur Vernunft bringen wird ist fraglich. Im Tages-Anzeiger-Artikel zur Studie wird Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), der im Swiss Medical Weekly einen Kommentar zur Studie verfasst hat, wie folgt zitiert: «Unglücklicherweise haben wissenschaftliche Veröffentlichungen und evidenzbasierte Fakten nie relevanten Einfluss auf solche Entscheide gehabt. Diese basieren einzig auf Politik und Prestige.»

Liegt es also letztlich an den PatientInnen, die von ihren HausärztInnen oder seiner SpezialistInnen fordern sollten, in eine Spital eingewiesen zu werden, das für ihre spezifischen Krankheiten über genügend Erfahrung verfügt?

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