2015 wieder mehr Geld für Medikamente – der Helsana-Medikamentenreport

Fast so sicher wie die Festtage und der Jahreswechsel erscheint jeweils im November der Helsana-Arzneimittelreport. Diese umfassende Analyse wird im Auftrag der Krankenversicherung Helsana vom Universitätsspital Basel (USB) und dem Institut für Pharmazeutische Medizin (ECPM) der Universität Basel erstellt und beleuchtet mit kritischem Blick den Medikamentenmarkt in der Schweiz. Er basiert auf anonymisierten Daten von rund 1.2 Millionen Personen, die während des Jahres 2015 bei der Helsana-Gruppe grundversichert waren.

Medikamentenkosten 2015 erneut gestiegen

Bei der Betrachtung der Ausgabenentwicklung für Medikamente zeigen sich interessante Einsichten. Hier ein paar Erkenntnisse aus dem Vorwort: die Medikamentenkosten sind im Jahr 2015 erneut gestiegen und erreichten mit CHF 6.6 Milliarden einen Höchststand. Diese Entwicklung bedeutet eine Zunahme von 5.9 % gegenüber dem Vorjahr und liegt damit deutlich über den Werten der letzten Jahre. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, der Handlungsbedarf wird immer offensichtlicher. Patientinnen und Patienten bezahlen in der Schweiz im Vergleich zum Ausland aktuell um rund 15 Prozent höhere Preise.

Zusammenfassung des Arzneimittelreports

Das Ziel der im vorliegenden Arzneimittelreport präsentierten Analysen ist, verlässliche Zahlen für den Schweizer Medikamentenmarkt zur Verfügung zu stellen. Als Grundlage diente die elektronische Abrechnungsdatenbank der Helsana-Gruppe, mit rund 1.2 Millionen Grundversicherten im Jahr 2015 einer der grössten Krankenversicherer der Schweiz.

Die Grundlage des Arzneimittelreports ist elektronische Abrechnungsdatenbank der Helsana-Gruppe. Sie enthält sämtliche durch Akteure des Gesundheitswesens in Rechnung gestellten Leistungen, welche im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP, Grundversicherung) von der Helsana vergütet werden. Dazu gehören neben Medikamentenbezügen unter anderem auch diagnostische Abklärungen und operative Eingriffe. Nicht ersichtlich sind hingegen ambulante Diagnosen, da diese in der Regel nicht an den Krankenversicherer übermittelt werden. Die in diesem Bericht dargestellten Auswertungen von Medikamentenbezügen und -kosten beziehen sich, wo nicht anders vermerkt, auf den Zeitraum zwischen 2012 und 2015. Sie berücksichtigen überwiegend den ambulanten Bereich, da Leistungen aus dem stationären Bereich in der Regel pauschal verrechnet werden, was eine separate Aufschlüsselung nach einzelnen Medikamenten verunmöglicht.

Um basierend auf den Helsana-Daten Aussagen für die gesamte Schweizer Bevölkerung treffen zu können, wurden die Datensätze mit jahresspezifischen Hochrechnungsfaktoren kombiniert, welche demographische Unterschiede zwischen dem Helsana-Kollektiv und der Gesamtbevölkerung ausgleichen.

Hochgerechnet auf die Schweiz stiegen die Medikamentenkosten in der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) seit 2012 um CHF 714 Millionen (+12.0%) an und lagen im Jahr 2015 bei über CHF 6.6 Milliarden. Der jährliche Zuwachs zwischen 2014 und 2015 lag dabei mit +5.9% deutlich über den Werten der letzten Jahre. Nebst der Anzahl Personen mit Medikamentenbezügen nahmen zwischen 2012 und 2015 auch die Medikamentenbezüge pro Patient (2012: 16.3; 2015: 17.3) und die Kosten pro Patient (2012: CHF 1’023; 2015: CHF 1’078) stetig zu. Der prozentuale Anteil der gesamten Medikamentenkosten (ohne Kosten der stationär verabreichten Medikamente) an den Schweizer Gesundheitsausgaben betrug im Jahr 2015 9.1% bezogen auf die totalen Kosten, und 22.1% bezogen auf die durch die Krankenversicherer in der OKP finanzierten Leistungen.

Betrachtet man den enorm wichtigen Stellenwert der Medikamente in unserer Gesellschaft und den unbestritten entscheidenden Anteil der Medikamentenforschung und –entwicklung an der steigenden Lebenserwartung und am Wohlbefinden unserer Bevölkerung, dann ist ein Anteil von 9.1% an den gesamten Gesundheitskosten ein sehr tiefer Kostenanteil mit einer zweifellos hervorragenden Kosten-Nutzen-Bewertung. Dennoch stellen insbesondere die neuen, teils sehr teuren Therapien im Bereich Krebs und Immunologika eine ernst zu nehmende Herausforderung für unser solidarisch finanziertes Gesundheitswesen dar, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass 20% der Patienten 80% der gesamten Medikamentenkosten verursachen.

Frauen bezogen im Jahr 2015 um 16.8% mehr Medikamente als Männer, allerdings waren die Kosten pro Kopf bei Frauen etwas niedriger (Kosten pro Frau: CHF 1’042; Kosten pro Mann: CHF 1’120). Von den gesamten Medikamentenkosten und von den Gesamtbezügen entfielen 41.7% respektive 43.9% auf die Altersklasse über 65 Jahren. Wie bereits im Vorjahr wiesen die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Genf, Neuenburg, Waadt und Tessin überdurchschnittlich viele Bezüge und hohe Kosten pro Person auf, während in der Zentral- und Ostschweiz verhältnismässig wenige Bezüge und tiefe Kosten pro Person verzeichnet wurden.

Betrachtet man die Medikamente getrennt nach therapeutischen Gruppen (Ebene 2 der ATC-Klassifikation), waren Immunsuppressiva, Antiviralia und Krebsmedikamente im Jahr 2015 mit Kosten von insgesamt rund CHF 1.8 Milliarden wiederum die teuersten Medikamente. Damit sind diese drei Gruppen für mehr als ein Viertel der Gesamtkosten verantwortlich, obwohl ihr Anteil an den Bezügen mit 1.7% relativ gering ist. Ein ausserordentlich starkes Kostenwachstum von +45.7% seit 2014 erlebten die Antiviralia, was sich primär auf die Neuzulassung sehr gut wirksamer, aber hochpreisiger Wirkstoffe zur Behandlung der Virushepatitis C zurückführen lässt (Sofosbuvir/Ledipasvir). Ebenfalls hohe Kostenzunahmen von über 10% seit 2014 konnten bei den Augenmedikamenten, Immunsuppressiva und Mitteln zur Hemmung der Blutgerinnung verzeichnet werden.

Bezogen auf die Anzahl Medikamentenbezüge waren Schmerzmittel, Psycholeptika und Antiphlogistika/Antirheumatika die Spitzenreiter. Auf diese drei Gruppen zusammen entfiel rund ein Fünftel aller Bezüge im Jahr 2015, jedoch waren die Kosten mit ca. CHF 613.7 Millionen geringer als die der Immunsuppressiva alleine. Zu den am häufigsten bezogenen Wirkstoffen gehörten das Schmerzmittel Paracetamol, Elektrolytlösungen, der Magensäureblocker Pantoprazol und das Antiphlogistikum Ibuprofen.

Bei den Analysen getrennt nach Bezugskanal lagen die Apotheken bei Kosten (CHF 3.7 Milliarden) und Bezügen (57 Millionen) nach wie vor weit vor den Arztpraxen (CHF 2.0 Milliarden; 39 Millionen Bezüge) und dem ambulanten Spitalbereich (CHF 0.9 Milliarden; 11 Millionen Bezüge).

Eine Zusatzanalyse im spezifischen Teil dieses Arzneimittelreportes beschäftigte sich mit der Marktentwicklung und Nutzenbewertung neuer Medikamente am Beispiel von Antidiabetika. Zwischen 2010 und 2015 stiegen sowohl die Antidiabetikabezüge (+19.3%) und die Anzahl der mit Antidiabetika behandelten Patienten (+19.7%), als auch die Kosten für Antidiabetika pro Patient (+14.4%) deutlich an. Letzteres lässt sich durch vermehrt eingesetzte neue, teurere Wirkstoffe erklären, welche in den letzten Jahren an Marktanteil gewonnen haben. Die Nutzenbewertungen verschiedener Health Technology Assessment (HTA)-Institutionen europäischer Länder bescheinigen diesen neuen Antidiabetika bestenfalls einen geringen Zusatznutzen. In der Praxis stellen sie für bestimmte Patientengruppen aber durchaus einen therapeutischen Fortschritt dar. Schwächen der mehrheitlich negativen Nutzenbewertungen sind starre Prüfschemata, welche patientenrelevante Parameter wie Therapietreue wenig berücksichtigen, sowie langwierige Erstellungsprozesse, aufgrund deren die Bewertungen zum Zeitpunkt der Publikation teilweise nicht mehr der neuesten wissenschaftlichen Evidenz entsprechen.

Eine weitere Zusatzanalyse, wiederum eine vergleichende Fall-Kontroll-Studie basierend auf Daten aus der Helsana-Datenbank und aus der britischen Clinical Practice Reserach Datalink-Datenbank, untersuchte den Gebrauch von Antidepressiva hinsichtlich eines möglicherweise erhöhten Risikos für Linsentrübungen (Katarakt).

Das in Tiermodellen sowie in einer Beobachtungsstudie mit Patientendaten aus Kanada beschriebene erhöhte Kataraktrisiko unter einer Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) konnte von uns weder in den Helsana-Daten noch in den britischen Daten bestätigt werden. Demnach scheint ein Langzeitbezug von Antidepressiva (SSRIs und andere Gruppen) keinen Einfluss auf das Katarakt-Risiko zu haben.

Ein weiterer Abschnitt des Berichts befasst sich mit der Entwicklung im Bereich der Onkologie. Die Kosten für Onkologika stiegen zwischen 2012 und 2015 um 18% von CHF 494 Millionen auf CHF 585 Millionen an. Da sich die Bezüge im selben Zeitraum nur um etwa 8% erhöhten, stieg vor allem der Preis der bezogenen Medikamente. Target-gerichtete Medikamente wie monoklonale Antikörper machen derzeit etwa 75% der gesamten Onkologikakosten aus. Dieser Anteil nahm seit 2007 zu, scheint aber derzeit ein vorläufiges Plateau erreicht zu haben.

Den gesamten Bericht können Sie hier als PDF herunterladen.

Dieser Beitrag wurde unter Politik & Gesundheit, Vorsorgen und heilen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz * Frist ist abgelaufen. Bitte laden Sie den Spamschutz erneut.