Worum geht es eigentlich beim elektronischen Patientendossier?

Die Förderung elektronischer Gesundheitsdienste („eHealth“) und insbesondere des elektronischen Patientendossiers ist ein wesentliches Element der Strategie „Gesundheit2020“ des Bundesrates. Dieser will auf diesem Wege die Qualität der Behandlungsprozesse verbessern, die Patientensicherheit erhöhen und die Effizienz des Gesundheitssystems steigern.

Im März 2015 hat nun auch der Nationalrat mit 175 zu 4 Stimmen das neue Gesetz verabschiedet und schafft so die Grundlage für schweizweite Standards beim elektronischen Patientendossier. Mit klaren Regeln will der Bund dafür sorgen, dass die kantonalen Systeme untereinander kompatibel sind und sich vernetzen lassen.

Mehr über das Gesetz finden Sie unter anderem auf den Websites von ehealthsuissedes BAG (Bundesamt für Gesundheit) und in einem Beitrag von computerworld.ch über den eHealth-Forum 2015..

Wir vom mediX-Blog wollten wissen, worum es beim elektronischen Patientendossier geht, wo die Stolpersteine liegen und wo die Arztpraxen der mediX-Ärztenetze in Hinblick auf die Digitalisierung von Patientendaten stehen. Im Video-Interview mit Dr. med. Andreas Meer, Arzt und Informatiker sowie profunder Kenner der Materie, haben wir einen Experten befragt.

Nur gerade rund 30 Prozent aller Ärzte arbeiteten heute bereits mit elektronischen Krankengeschichten. Die Verpflichtung der Hausärzte, sich am elektronischen Patientendossier zu beteiligen, wäre daher eine Chance gewesen, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran zu treiben, meint Dr. med. Andreas Meer im Gespräch mit mediXTV. Persönliche bedaure er, dass das Parlament im ambulanten Bereich letztlich für die so genannte «doppelte Freiwilligkeit» (sowohl Arzt als auch Patient muss einverstanden sein, dass die Daten in ein elektronisches Patientendossier übertragen werden) votiert habe. Denn das elektronische Patientendossier habe – Datensicherheit und Datenschutz vorausgesetzt – enorme Vorteile für Qualität und Effizienz der Behandlung. Immerhin seien aber die Spitäler verpflichtet, ihre Daten in das elektronische Dossier zu speisen.

Selber noch als Leitender Arzt der Notfall-Permanence des Freiburger Spitals tätig, erlebe er im Alltag nur zu häufig, dass die Patient zu wenig Bescheid wüssten über ihre Krankheiten und womit sie wann wie behandelt worden seien. Solche Informationen könnten aber für den Arzt in kritischen Situationen von entscheidender Bedeutung sein.

Meer versteht zwar, dass man gegenüber der Konzentration von medizinischer Information in digitaler Form und an einem Ort durchaus Bedenken haben könne. Datenschutz und Datensicherheit dürfe man nicht auf die leicht Schulter nehmen und müsse  das Thema mit grosser Sorgfalt behandeln. Beide Themen seien aber heute durchaus in den Griff zu bekommen; an den elektronischen Zahlungsverkehr mit den Banken hätten wir uns ja seit Jahren gewöhnt. Ausserdem müsse man sich auch vor Augen führen, dass die heutige Situation deutlich höhere Gefahren berge: Papierdossier seien in vielen Praxen sehr leicht zugänglich, können verloren gehen oder irgendwo in der Praxis liegen bleiben.

Neben der Förderung des elektronischen Patientendossiers ist daher auch wichtig, dass der Anteil der Ärzte, die mit elektronischen Krankengeschichten arbeiten, rasch wächst. Denn Patienten-Informationen in „analogen“ Krankengeschichten sind für andere Ärzte nicht direkt zugänglich. Dies kann dazu führen, dass Untersuchungen unnötigerweise mehrmals durchgeführt werden, wichtige Erkenntnisse bei der Diagnose nicht verfügbaren sind oder dass Medikamente verschrieben würden, die miteinander nicht verträglich seien. Risiken, die so nicht sein müssten. Im Gespräch äussert sich daher Meer äusserst positiv über die Haltung von mediX in dieser Frage.

mediX nutzt seit Jahren elektronische Krankengeschichten

mediX – und viele ihr angeschlossene Arztpraxen – gehöre gemäss Meer in der Frage der elektronischen Krankengeschichte seit Jahren als Avantgarde und sei ein Trendsetter im Bereich der Digitalisierung. Viele mediX-Praxen arbeiten praxisübergreifend mit guten Erfahrungen mit elektronischen Krankengeschichten. Dies ermöglicht einen optimalen Austausch unter den beteiligten ÄrztInnen. Sie haben also in einem kleinen Rahmen bereits umgesetzt, was später von einem nationalen e-Patientendossier zu erwartet wäre. Besonders erwähnt Meer auch die Online-Praxis (ein Projekt aus seinem Informatik-Unternehmen in4medicine), das es PatientInnen und ÄrztInnen erlaubt, auf elektronischem Weg miteinander in Kontakt zu treten, wann immer und wo immer sich diese gerade aufhalten – und dies bei voller Wahrung von Datensicherheit und Arztgeheimnis.

Die Praxis Bubenberg beispielsweise, eine der grössten mediX-Mitgliedpraxen mit mehr als 40’000 erfassten PatientInnen, arbeitet schon seit 2007 erfolgreich mit einer vollelektronischen Krankengeschichte. Was aber ganz oder teilweise fehlt, ist der elektronischer Datenaustauch mit anderen Leistungserbringern, wie z.B. Spitälern, Apotheken, etc. Auf dem Platz Bern sind beispielsweise nur 3 von 9 Kliniken mit dem PatientInnendossier der Praxis Bubenberg vernetzt.

mediX begrüsst daher die Erweiterung des Systems und die Integration weiterer Partner, um auf diesem Wege primär die Qualität und Effizienz der ärztlichen Leistungen zu steigern und gleichzeitig die Akzeptanz elektronischer PatientInnen-Dossiers in der Öffentlichkeit zu erhöhen.

Zürich will Vorreiterrolle übernehmen

Der Kanton Zürich will nicht warten. Bereits 2016 will er die elektronische Krankengeschichte – im Sinne eines flächendeckenden elektronischen Patientendossiers – einführen. Dazu hat die Gesundheitsdirektion den Verein Trägerschaft ZAD (Zürich Affinity Domain) gegründet, getragen vom Verband Zürcher Krankenhäuser, der Ärztegesellschaft, dem Spitex-Verband, dem Apothekerverband und der Curaviva. Gemeinsam sollen so optimale Voraussetzungen geschaffen werden für eine erfolgreiche Einführung des elektronischen Patientendossiers.

Ab 2016 sollen dann alle Fachleute, die mit ­einer PatientIn zu tun haben, wichtige medizinische Informationen jederzeit abrufen können: Name und Dosierung der eingenommenen Medikamente, allfällige Allergien, Röntgenbilder und ­Laborbefunde, Austrittsberichte der Spitäler, Impfungen. Im Notfall kann das lebensrettend sein, im Normalfall erleichtert es die Kommunikation zwischen den verschiedenen Institutionen und die Arbeit der Spezialisten.

Mehr Qualität und Sicherheit dank e-Health

Mit dem elektronischen Patientendossier soll in Zukunft jede Person die Möglichkeit erhalten, ihre medizinischen Daten Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen zugänglich zu machen. Dies soll dazu beitragen, die Qualität der Behandlungsprozesse zu erhöhen, die Sicherheit der Patienten zu verbessern und die Effizienz des Gesundheitswesens zu steigern.

Klar ist: PatientInnen müssen damit einverstanden sein und sie entscheiden alleine darüber, welche Informationen den medizinischen Fachpersonen zugänglich gemacht werden. Einsicht in die Daten haben nur diejenigen Gesundheitsfachpersonen, die von der InhaberIn des ePatientendossiers die entsprechenden Zugriffsrechte erhalten haben. Krankenkassen oder Arbeitgeber können selbstverständlich nicht auf die Daten zugreifen.

Ärzteschaft heute noch wenig vernetzt

Eine Mehrheit der Praxisärzte hält bis heute an der traditionellen Krankengeschichte auf Papier fest und vor allem ältere Ärzte sind kaum mehr bereit umzustellen. Für jüngere ÄrztInnen und Netzwerkpraxen gilt das elektronische Patientendossier – auf freiwilliger Basis – schon längst zur Selbstverständlichkeit. mediX-Praxen beispielsweise arbeiten schon lange und erfolgreich mit vernetzten PatientInnen-Daten.

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2 Kommentare zu Worum geht es eigentlich beim elektronischen Patientendossier?

  1. Martin Gallmann sagt:

    Es ist richtig: 1 Papier-KG die im Moment nicht auffindbar ist, ist ein Problem. Eine nicht funktionierende IT-Infrastruktur in einer Praxis ist ein RIESENProblem.
    Und: Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt: Eine missliebige Diagnose, sogar wenn sie falsch ist, einmal im System, ist nicht mehr wegzubringen. Die Konsequenzen bleiben ein ganzes Leben lang.

    Ein Maschinen- (oder Word-) geschriebenes A4-Blatt, das der Pat. jederzeit auf sich trägt, würde auch bei komplizierten Krankengeschichten zur Information reichen. Es braucht dafür weder aufwendigste elektronische Infrastruktur, noch muss die Aerztin die sich informieren will sich in einer elektronischen KG durch einen Wust (im Moment unnützer) Informationen durchwühlen um das wichtige zu finden. Und lesbar wäre das Blatt erst noch auch wenn nicht gerade eine ausgeklügelte IT-Infrastruktur vorhanden ist, sei es im Urwald oder auf der Strasse. Und auch wenn der Pat., vielleicht bewusstlos, nicht einmal mehr fähig ist sein Passwort anzugeben.

    • Felix Huber sagt:

      Ein elektronisches Patientendossier steht dem Patienten überall und jederzeit und in gut lesbarer Form zur Verfügung. Das ist gerade bei der aktuellen Medikationsübersicht sehr wichtig. Natürlich kann der Patient einzelne Dokumente ausdrucken und auf sich tragen.

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