Hat die Digitalisierung der Medizin dieses Loblied verdient?

Vor ein paar Wochen hat Simon Hehli unter der Schlagzeile «Billigere Gesundheit dank dem Handy» in der NZZ ein Loblied auf die Digitalisierung in der Medizin geschrieben. Patienten könnten mit Handy und Armband überprüfen, wie fit sie seien, Ärzte verfügten dank elektronischen Patientendossier über alle Informationen. Kurz: Die Digitalisierung sei ein Segen für das Gesundheitswesen, heisst es dort. Einsparungen von bis zu 300 Millionen seien auf diesem Wege möglich. Wer den Text etwas genauer liest, findet darin aber kaum Hinweise auf den Nutzen von Handys im Gesundheitssystem. Vielmehr ist im erwähnten Artikel lediglich die Rede vom digitalen Patientendossier, das in der Schweiz im Rahmen von E-Health in nächster Zeit schrittweise eingeführt wird und von dem sich die Promotern einen verbesserten Informationsfluss unter allen Akteuren des Gesundheitswesen versprechen.

Den ganzen NZZ-Artikel können Sie hier als PDF herunterladen.

Diese euphorische Sicht der Dinge, war der mediX-Arzt Dr. med. Adrian Wirthner von der Praxis Bubenberg in Bern der Meinung, dürfe aus Ärzte-Sicht nicht unwidersprochen bleiben. Deshalb hat er zu diesem Beitrag einen Leserbrief verfasst, den die NZZ vor ein paar Tagen veröffentlicht hat. Wirthner schreibt:

«Der Gedanke scheint auf den ersten Blick plausibel: Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen dank Digitalisierung und E-Healthplattformen. Hier lohnt sich ein Blick auf Erfahrungen im Ausland:

Am 1. April 2005 startete in England unter dem Namen „Connecting for Health“ das IT-Projekt des britischen National Health Service. Unter Einbindung von 30‘000 Grundversorgern und 300 Spitälern sollte diese elektronische Krankenakte einen sicheren und autorisierten Zugang zu den Gesundheitsdaten für Health-Professionals und den Patienten garantieren. Nach acht Jahren, am 31. März 2013, wurde das Projekt wegen fehlendem Nutzennachweis ersatzlos eingestellt, trotz exorbitanten Investitionen von geschätzten 20 Milliarden Pfund. Die Gründe für das Misslingen des Projekts: Die Zuverlässigkeit, Vollständigkeit und Brauchbarkeit der Daten waren nicht gewährleistet. Dies führte zum raschen Absinken der beteiligten Gesundheitsfachleute von 70% beim Start auf 41% bereits nach einem Jahr. Das System wurde von Klinikern bald einmal als unbrauchbar beurteilt, es kam zu massiven zeitlichen Verzögerungen und die Datensicherheit war nicht garantiert. Die Programmleitung weigerte sich gegen jede Art von externen Audits und Evaluationen. Die britische Presse schrieb entsetzt von der Unfähigkeit, eine ICT-Strategie zu entwickeln, deren Nutzen nur annähernd die Kosten aufwiegt und von einem der schlimmsten und teuersten Fiaskos im Gesundheitswesen. Dieses Scheitern erstaunt in einem staatlich gesteuerten Gesundheitswesen, wo – im Gegensatz zur Schweiz – praktisch sämtliche Arztpraxen und Spitäler bereits digital vernetzt sind und unter nationaler Koordination Daten austauschen.

Was wir daraus lernen können: Es genügt nicht, auf einer Plattform Daten zu sammeln und Zugriff zu gewähren. Denn die Daten müssen zuverlässig, vollständig und vor allen Dingen in einer brauchbaren Form sein, damit ein Zusatznutzen entsteht. Erst dann sind die Gesundheitsfachleute zur Kooperation motiviert. Dies bedingt, dass die gesammelten Daten redigiert werden. Redigieren heisst, die Informationen in eine zur Verwendung geeignete Fassung bringen. Es braucht eine laufende Aktualisierung und Priorisierung. Jede Gruppenpraxis kennt die riesige Herausforderung, nur schon die Basisinformationen „Diagnosenübersicht“ und „Medikamentenliste“ auf einem aktuellen, übersichtlichen und damit nutzenbringenden Stand zu bringen, ganz zu schweigen von allen erfolgten Untersuchungen und ihren Ergebnissen. Eine redigierende Strukturierung auf einer allfälligen E-Healthplattform ist zwingend, wenn das Projekt gelingen soll. Und hier stellen sich wie bei jeder Planung die drei Fragen: Wer kann’s? Wer macht’s? Wer bezahlt’s? Dies scheint mir zurzeit relevanter als die Schwärmerei von Kostensenkungen dank Fitness-Trackern für Gesunde und potentiell eingesparten Minuten und Franken auf Patientenpfaden.»

Mehr über das elektronische Patientendossier erfahren Sie auf der Webseite von ehealthsuisse.

Adrian Wirthner hat sich mit seinem Leserbrief in eine wichtige Diskussion eingebracht. Diskutieren Sie mit und schreiben Sie uns Ihre Meinung, Ihre Wünsche und Ihre Ideen in die untenstehende Kommentarbox.

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