Dürfen ÄrztInnen Fehler machen?

Unfehlbare Menschen gibt es nicht und deshalb gibt es auch keine unfehlbare Ärzte und Ärztinnen. Nur: In den meisten Berufen lassen sich gemachte Fehler meist recht leicht korrigieren, noch bevor sie gravierende Folgen haben. In der Medizin ist die Fehlertoleranz deutlich kleiner, weil sich hier gemachte Fehler direkt auf das Wohlbefinden von Menschen auswirken. Läuft alles richtig, verbessert sich das Leben der Betroffenen, unterläuft einer ÄrztIn oder einem medizinischen Team aber ein Fehler, so kann das im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Und trotzdem: auch Menschen mit medizinischen Berufen machen manchmal Fehler. Es geht also darum, möglichst wenig – und vor allem möglichst wenig schwere oder systematische – Fehler zu machen und aus den gemachten Fehlern zu lernen.

mediX-Praxen lernen aus Fehlern systematisch

Um es gleich vorweg zu nehmen: Alle medix-Praxen arbeiten systematisch mit einem Fehlermeldesystem (CIR oder Critical Incident Reporting) und erfüllen damit einen wichtigen Aspekt der EQUAM-Qualitäts-Standards. Als Anforderung heisst es dort: „Jedes Praxisnetz entwickelt eine netzwerkinterne Kultur im Umgang mit CI (Critical Indcidents) in der Diagnostik und Therapie: die CI werden systematisch erfasst und analysiert, was zu einem kontinuierlichen Verbesserungs-Prozess führen soll.“ Felix Huber, Verwaltungsratspräsident von mediX sagt zum Thema Fehlerkultur: „Das Ziel unserer Meldesysteme ist es, eine Kultur zu schaffen, in der Fehler nicht vertuscht sondern gemeldet werden. Denn lernen kann man nur aus Fehlern, die man kennt. Manchmal sind es nämlich nur Kleinigkeiten in den Abläufen, die geändert werden müssen, um Fehler zu verhindern. Dank regelmässiger Zertifizierung auf der Basis der Qualitätsstanders der unabhängigen EUQUAM-Stiftung können wir uns so laufend verbessern.“

EQUAM-Zertifizierung sorgt für Qualität der medizinischen Betreuung

Das EQUAM Label «Health Care Quality» ist ein eingetragenes und geschütztes Qualitäts-Zertifikat. Es beschreibt die Qualität der medizinischen Leistung mittels messbaren Kriterien anhand der EQUAM–Standards. Patientenbefragungen liefern Daten für weitere Qualitätsaspekte zur Patientenzufriedenheit. Ein Massnahmenplan zur weitergehenden Qualitätsverbesserung sichert ein fortlaufendes Qualitätsmanagement.

Das EQUAM-Label dokumentiert die gute medizinische Qualität, stellt eine Verbesserung der Patientenrechte dar und setzt ein Signal für die Bereitschaft der zertifizierten Arztpraxen, sich von einer neutralen, unabhängigen Instanz kontrollieren zu lassen.

Das Thema ist nicht zu unterschätzen

Gemäss einem Bericht, der kürzlich im Tages-Anzeiger online erschienen ist „… erlitten in der Uniklinik für Herzchirurgie vorletztes Jahr 42 Patientinnen und Patienten eine Wundinfektion, nachdem sie operiert worden waren. Das waren 5,4 Prozent aller Operierten.“ Weiter heisst es im gleichen Artikel: „Gemäss Studien trifft es zwischen 2 und 8 Prozent aller Spitalpatienten, und ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen erleidet deswegen eine vorübergehende Schädigung, ein Zehntel gar eine bleibende. Die Zahl der Toten wegen Behandlungsfehlern wird in der Schweiz auf 700 bis 1700 jährlich geschätzt.“

Es braucht eine Fehlerkultur

Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz ist die Organisation, die sich am längsten und intensivsten um Qualitätsverbesserungen bemüht. Sie ist kürzlich 10-jährig geworden. Unter anderem führt die Stiftung Schulungen durch, analysiert Fehlermeldungen und schlägt Präventionsmassnahmen vor, wenn sich gewisse Fehler häufen. Sie fördert auch die Verbreitung von Sicherheitsinstrumenten wie die chirurgische Checkliste.

Laut der stellvertretenden Geschäftsführerin Paula Bezzola gibt es keine Statistik darüber, wie viele Spitäler die einzelnen Massnahmen anwenden. Aus ihrer Erfahrung sind es inzwischen sehr viele. Allerdings sei es mit dem Mitmachen nicht getan. Sowohl bei den Checklisten als auch beim Fehlermeldesystem Cirs brauche es nach der Einführung Trainings für die Teams. Bezzola hält es für zentral, dass die Spitalleitungen sich mit der Patientensicherheit befassen und eine klare Strategie dazu haben. Wichtig sei zudem, dass dem Thema schon in der Ausbildung ein hoher Stellenwert zukomme. Zum Thema „Lernen aus Fehlern – eine Illusion?“ führt die Stiftung Patientensicherheit Schweiz im November eine Tagung durch.

Kurse für angehende MedizinerInnen

Die Medizinische Fakultät der Universität Zürich bietet seit kurzem einen Kurs für Studierende an, welche dort lernen sollen, Fehler richtig zu analysieren und vermeiden zu lernen. Dieser Kurs wurde von PD Dr. Sven Staender,  einem Schweizer Pionier in Sachen Patientensicherheit in Spitälern, lanciert. Er ist Anästhesie-Chefarzt des Spitals Männedorf und hat dort schon früh ein anonymes, elektronisches Fehlermeldesystem eingeführt. Kürzlich hat er für diesen Kurs im renommierten Deutschen Preis für Patientensicherheit unter 70 Bewerbungen den dritten Preis gewonnen.

«Bei vielen Expertinnen und Experten hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass eine nachhaltige Verbesserung der Patientensicherheit eine Frage der Werte und der Grundhaltung aller in der Medizin Tätigen ist», sagt Staender. Zentral sei es dabei, Fehler nicht mehr als Tabu zu behandeln, Teamarbeit zu pflegen und offen zu kommunizieren.

Ursachen finden statt Mitarbeitende blossstellen

Die Joint Commission, welche Gesundheitsorganisationen in und ausserhalb der USA zertifiziert, schreibt in ihrer Vision von Sicherheit: „All people always experience a safest, highest quality, best value healthcare across all settings“. Ständer geht in einem Interview mit Elvira Porrini von X-Challenge Consulting „davon aus, dass die Mitarbeitenden in meinem Spital jeden Morgen genau mit dieser Einstellung zur Arbeit kommen. Und ich wage zu behaupten, dass jeder, der seinen Beruf ernst nimmt, mit dieser Einstellung an die Arbeit geht. Wenn dann Fehler passieren, müssen wir uns fragen, warum Mitarbeitende, die in einem komplizierten Selektionsverfahren ausgewählt werden, diesen verrückten Weg gewählt haben, der zu den Fehlern führt. Das ist die entscheidende Frage. Eine spannende Frau aus der Fliegerei hat das folgendermassen formuliert: Menschliches Versagen ist quasi nicht die Ursache, sondern das Ergebnis einer Kette von kleinen Ereignissen.“ Gemäss Staender sei das zentrale Problem unsere Schuldzuweisungskultur, die uns schon in der Erziehung begleitet und ein Element unserer Gesellschaft sei. Habe man den Schuldigen gefunden, so sei das Thema meist erledigt. Das sei aber die falsche Fragestellung; vielmehr müsse man fragen, warum etwas passiert sei und nicht, wem etwas passiert  sei – natürlich immer nur, sofern es nicht um grobfahrlässiges oder vorsätzliches Handeln gehe. In diesem Interview, das Sie hier als PDF downloaden können, sagt er weiter, die Grundlage für eine gute Fehlerkultur sei das Bewusstsein einer Organisation, dass sie über die besten Mitarbeitenden verfüge. Dann schreibe man Fehler auch nicht zuerst einer bestimmten Person zu, sondern suche die Fehler im System.

No-Blame-Kultur und ihre Grenzen

Die internationale Patientensicherheits-Bewegung hat sich – richtigerweise – für eine „No-Blame“ Kultur eingesetzt. So will man die systemischen Ursachen für Zwischenfälle erkennen, statt einzelnen Fachpersonen die „Schuld“ für Fehlverhalten zuzuschreiben. Dieses Prinzip stösst aber an Grenzen, wenn einzelne Mitarbeitende sich wiederholt nicht an die Sicherheitsstandards halten. Da stellt sich die Frage, wann Fachpersonen individuell zur Verantwortung gezogen werden sollen, wenn sie implementierte und akzeptierte Sicherheitsregeln nicht einhalten. Lesen Sie dazu das interessante Paper of the Month #4 der Stiftung für Patientensicherheit, das Sie hier als PDF downloaden können.

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Ein Kommentar zu Dürfen ÄrztInnen Fehler machen?

  1. Mark Uwe sagt:

    Da ich schon seit einiger Zeit im Hausarztmodell bin und auch eine Zeit nach einer passenden Praxis gesucht habe, bin ich nun noch beruhigter dass diese Mitglied bei mediX ist. Auch als Patient ist es nicht uninteressant zu erfahren, dass es solche Fehlermeldesysteme gibt und dass eine Praxis davon Gebrauch macht. Nun vertraue ich noch ein Stück mehr meinem Hausarzt Glarus (Kanton).

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