Die Digitalisierung hat in der Medizin noch Potenzial

Die Digitalisierung sei in unserem Alltag längst angekommen, ihr Potenzial werde aber im Gesundheitsbereich noch längst nicht ausgeschöpft, hiess es in der Einladung zum Forum «Health 2.018», zu dem kürzlich die «Finanz und Wirtschaft» ins Gottlieb-Duttweiler-Institut eingeladen hat. Ärzte und Spitäler sähen noch eher die Risiken als die Vorteile. Dabei könnten digitale Systeme die Arbeit der Leistungserbringer erleichtern und so gleichzeitig zu einer Kostensenkung beitragen, so die Meinung der Veranstalter. Diese sahen aber auch die Probleme: Vor allem ältere Personen fühlten sich vom rasanten technologischen Wandel häufig abgehängt und «Fake News» und Halbwahrheiten seien im Netz zum Thema Krankheiten besonders häufig. Besondere Vorsicht gelte gerade auch im Gesundheitsbereich beim Datenschutz und der Datensicherheit von Unternehmen.

Dank seiner offenen und eingängigen Art war der Humanmediziner und Unternehmer Fabian Unteregger – in der Öffentlichkeit wohl eher als Komödiant und Stimmenimitator bekannt – der ideale Startredner der Konferenz. Als Mitglied des Advisory Boards der Non­-Profit­-Organisation Swiss Healthcare Startups gelang ihm deshalb ein gut verständlicher Einstieg in die Thematik: er sprach vor allem über den Unterschied zwischen Machine­ und Deep­learning und zeigte, wo sich diese im Gesundheitsbereich nutzen lassen. Immer wieder wies er darauf hin, dass Deeplearning zwar grosse Datenmengen analysieren und präzise Diagnosen erstellen, aber nie den Arzt ersetzen könne. Vor allem Deeplearning könnte aber ÄrztInnen in ihrer Tätigkeit in vielen Bereichen aktiv unterstützen.

Die vier ÄrztInnen Tobias Burkhardt, Andrea Vincenzo Braga, Yvonne Gilli und Adrian Wirthner diskutierten anschliessend unter der Leitung des FaW-Gesundheits-Redaktors Michel Griesdorf darüber, wie Digitalisierung in der Arzt-Praxis der Zukunft eingesetzt wird und wie eine solche einmal aussehen könnte.

Adrian Wirthner sieht die Zukunft der Digitalisierung in der Arztpraxis in einer vermehrtem Vernetzung und verbesserten Auswertung von Daten. Diese diene auch der Zusammenarbeit mit den Versicherern, deren Prämien-Entscheide vermehrt auf soliden Daten aus der praktischen Arbeit basierten sowie dem Vergleich mit anderen Praxen, um so Potenziale zur Qualitäts- und Leistungsverbesserung zu finden. Für ihn stünden dabei die elektronische Krankengeschichte und Leistungserfassung im Vordergrund. Dr. med Adrian Wirthner ist Mitgründer und Vorstandsmitglied von mediX sowie Verwaltungsratspräsident von mediX bern. Daneben arbeitet er in der Praxis Bubenberg Bern.

Einig war man sich darüber, dass die Digitalisierung auch in der Medizin rasch Einzug halten wird. Als Beispiel würde das elektronisches Impfbüchlein erwähnt, das den ÄrztInnen den Überblick erleichtert über den Impfstatus ihrer PatientInnen. Adrian Wirthner bemängelte allerdings, dass das eine Insellösung sei. Die Medizin brauche aber integrierte Lösungen, die sich in bestehende Systeme einbauen liessen.

Auch gegenüber Deeplearning äusserste sich Wirthner eher skeptisch. Man könne zwar so grosse Mengen an Daten erfassen und auswerten, aber für ihn als Arzt stehe immer noch das einzelne Schicksal im Vordergrund. Er schätze zwar die digitale Unterstützung, aber es brauche den Menschen. Als Beispiel dafür, wie Deeplearning möglicherweise auch falsche Impulse vermitteln könne, erwähnte er die Diagnose Hautkrebs: Zwar würden dank neuen Diagnosemethoden immer mehr Melanome festgestellt – aber es stürben nicht mehr Menschen daran. Vielleicht würden einfach als Folge digitaler Tools zu viele Fälle diagnostiziert und behandelt, stelle er in den Raum.

Einigkeit herrschte auch darüber, dass die neuen digitalen Instrumente sehr sorgfältig anzuwenden sind. Die PatientInnen sind – z.B. nach einer Google-Suche – sehr allein gelassen mit den Ergebnissen. Wenn jemand aufgrund eines digitalen Prozesses mit der Diagnose „möglicherweise Hautkrebs“ konfrontiert ist, kann das aber deren oder dessen Leben vollständig aus der Bahn werfen. Dann braucht es dringend ein Gespräch mit einer ÄrztIn. Das gelte auch für junge, digitale Menschen. Auch sie sollten nicht mit Computerergebnissen abgespeist werden, sondern brauchten in kritischen Situationen einen Menschen aus Fleisch und Blut als Gegenüber.

Einen fulminanten Abschluss der Konferenz machte Nicolas Krämer. Der kaufmännische Geschäftsführer der städtischen Kliniken Neuss – Lukaskran­kenhaus, schilderte in seinem eindrücklichen Vortrag wie sein Spital hollywood­-verdächtig Opfer eines Hackerangriffs wurde und weshalb sogar das FBI aus den USA an dem Fall interessiert war. Sein Beitrag machte die Gefahren und die Notwendigkeit eines ausgebauten Datenschutzes gerade im Gesundheitsbereich deutlich und sorgte daher im anschliessenden Apéro für regen Gesprächsstoff.

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