Ärztliche Zeugnisse ab dem ersten Krankheitstag sind ein Unsinn

Ein Chef, der bei jeder Abwesenheit sofort ein Attest verlangt, vertraut dem Arzt mehr als seinem Angestellten. Das ist nicht nur absurd, es schadet auch der Volkswirtschaft,

Die junge Frau schleppt sich mit Fieber und Husten in die Praxis. Sie muss ihrem Arbeitgeber schon ab dem ersten Krankheitstag beweisen, dass sie krank ist. Eigentlich sollte sie an diesem Tag besser das Bett hüten, Tee trinken und ein Ibuprofen einnehmen. Der nächste Patient leidet unter Übelkeit und Erbrechen und muss sich ab dem zweiten Krankheitstag ärztlich attestieren lassen, dass er krank ist.

Beide Patienten können und sollen in diesem Zustand nicht zur Arbeit gehen. Sie würden nur die anderen anstecken und wären wirklich unproduktiv. Trotzdem bauen viele Betriebe diese Schikane einer ärztlichen Beurteilung schon am ersten oder zweiten Krankheitstag als Hürde gegen leichtfertiges Blaumachen ein. Das Einfordern von ärztlichen Zeugnissen bei kurzen Absenzen ist eine Unsitte und ein volkswirtschaftlicher Unsinn. Damit werden wertvolle Ressourcen in Arztpraxen verschwendet und der Heilungsprozess schlimmstenfalls gar verzögert.

Ihre Zeugnisse werden diese beiden Patienten auf jeden Fall erhalten. Die Frage ist nur, ob sie auch gleichentags einen Arzt finden, der ihnen bescheinigt, dass sie krank sind. Das ist nicht mehr ganz so einfach beim heutigen Mangel an Hausärzten und bei den mit behandlungsbedürftigen Patienten überfüllten Wartezimmern – gerade im Grippewinter.

Im Schweizer Durchschnitt geht man davon aus, dass in der Regel ab dem dritten oder vierten Absenztag eine Krankheit mit einem Arztzeugnis bestätigt werden muss. Es gibt keine gesetzliche Regelung, ab wann ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis vorgelegt werden muss. Jeder Betrieb legt das im Arbeitsvertrag oder in den Anstellungsbedingungen oder im Personalreglement fest.

Offenbar sind viele Betriebe ihren Mitarbeitern gegenüber misstrauisch, wenn es um die Frage einer gerechtfertigten Absenz geht. Und dieses Misstrauen in die eigenen Arbeitnehmer scheint sich besonders auf die unteren Hierarchiestufen zu konzentrieren. Ich mag mich nicht erinnern, jemals einer Person, die in meinem Sprechzimmer gesessen ist, ein Zeugnis für den aktuellen Tag verweigert zu haben. Als Arzt kann ich mich schlichtweg nicht in die Befindlichkeit des Patienten hineinversetzen. Ich kann seine selbst empfundene Krankheitslast nur registrieren, nicht aber beurteilen. Ich muss ihm also vertrauen.

Auf diesem Vertrauen basieren die kurz dauernden Arztzeugnisse für banale Erkrankungen. Sie werden während der aktuellen Krankheit immer ausgestellt. Also könnte man den Aufwand auch weglassen. Ich denke nicht, dass dadurch mehr blaugemacht würde.

Dieses schon fast naive Vertrauen in die ärztliche Beurteilungskompetenz mit vermutetem magischem Blick hinter die Kulissen des schwindelnden Patienten lässt nun sogar zu, dass Callcenter solche Zeugnisse per Telefonkontakt ausstellen können. Das führt die gängige Praxis, dem Arzt weit mehr zu vertrauen als dem Angestellten, ad absurdum.

Etwas seltsam mutet diese Schiedsrichterfunktion, die man uns Ärzten zuteilt, ja schon an. Natürlich schätzen wir das hohe Vertrauen, das uns entgegengebracht wird. Aber eigentlich haben wir wichtigere und spannendere Aufgaben zu lösen. Ärzte sollten also für diese Lappalien nicht mehr belästigt werden. Die Delegation an einen anderen Schiedsrichter wie zum Beispiel an eine Praxis-Nurse, an eine Fachfrau im Spitexzentrum oder an einen Apotheker wären prüfenswerte Lösungsansätze für die Zukunft. Aber letztlich wären auch solche Varianten eine unnötige Verschwendung von Ressourcen.

Ich wünschte mir von den Arbeitgebern etwas mehr Vertrauen in das korrekte Verhalten ihrer Angestellten. Im Zweifelsfall kann immer ein Zeugnis verlangt werden, ja ausnahmsweise auch einmal ab dem ersten Krankheitstag. Ich plädiere aber für einen flexibleren Umgang mit dieser Problemstellung. Spielt das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, dann kann auf ein Zeugnis im Prinzip so lange verzichtet werden, bis die betriebliche Taggeldversicherung zum Zug kommt.

Ich bin nicht nur Arzt, sondern auch Arbeitgeber und weiss, wie nervend – die natürlich fast immer unpassenden – Arbeitsausfälle von Mitarbeitenden sein können. Auch ich hatte schon meine Zweifel, ob nicht beim einen oder anderen Mitarbeitenden die Toleranzschwelle, bei der er sich noch als einsatzbereit taxiert, nicht etwas gar tief ist. Aber ich habe es nie geschafft, mit Ermahnung und Belehrung jemanden einen Tag früher zur Arbeit zurückkehren zu lassen. Was hingegen funktioniert und die Absenzen tief hält, ist ein motivierendes Arbeitsumfeld, ein gut vernetztes Team, das im Alltag kooperiert und in dem der Einzelne für seine Arbeit geschätzt wird.

Dieser Text von Felix Huber, Verwaltungsratspräsident von mediX, ist am Sonntag, 22. Januar 2017 unter „Der externe Standpunkt“ in in der NZZ am Sonntag erschienen. Wir vom mediX-Blog-Team wollen Ihnen diesen lesenswerten Beitrag auch auf diesem Weg zugänglich machen.

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