Spitex-Studie betont Bedeutung der Hauswirtschaft

Die beiden Departemente Soziale Arbeit und Wirtschaft haben kürzlich die Schluss-Ergebnisse einer interdisziplinären Spitzex-Studie veröffentlicht, die sie gemeinsam mit Spitexorganisationen aus zwei Kantonen, den Städten Zürich und Winterthur und dem Spitexverband Schweiz durchgeführt haben. Die Studie bietet in erster Linie den Spitexorganisationen vertiefte Entscheidungsgrundlagen für eine Überprüfung und Weiterentwicklung ihrer heutigen strategischen Ausrichtung. Sie stellt darüber hinaus aber auch eine Grundlage dar für die künftige Ausgestaltung der Hauswirtschaft im Rahmen der Spitex aus Sicht des Versorgungssystems und der Perspektive der öffentlichen Hand.

In der gesundheitspolitischen Debatte wie auch in der Versorgungsforschung richtete sich der Fokus im Bereich der ambulanten Pflege und Betreuung in den vergangenen Jahren stark auf deren Rolle als Pflegedienstleister. Ihre Aufgaben in den Bereichen Hauswirtschaft und (sozial-)betreuerische Leistungen standen eher im Hintergrund. Dies, obwohl die Anzahl Hauswirtschaftsstunden der Spitex im Jahr 2000 mit 5.5 Mio. Stunden noch die Anzahl Pflegestunden (4.9 Mio. Stunden) übertraf. Dieses Verhältnis hat sich in der Zwischenzeit ins Gegenteil verkehrt. 2013 standen 5.4 Mio. Stunden in der Hauswirtschaft und Betreuung 11.9 Mio. Stunden in der Pflege gegenüber.

Die Verpflichtung der Kantone, für die Hilfe und Pflege von Betagten und Behinderten zu Hause zu sorgen, ist in der Bundesverfassung verankert (BV Art. 112c). Doch sind die Ausgestaltung des Angebots und die Rolle der Spitexorganisationen im Bereich der «Hilfe zu Hause» weniger klar gefasst als in der Pflege.

Zunahme an pflegerischen, hauswirtschaftlichen und betreuerischen Angeboten

In den letzten Jahren hat das Angebot an pflegerischen, hauswirtschaftlichen und betreuerischen Leistungen durch private erwerbswirtschaftliche Organisationen und selbständige Pflegefachpersonen stark zugenommen. Die Versorgung wird heute in vielen Regionen nicht mehr allein durch öffentlich-rechtliche oder gemeinnützige Organisationen sichergestellt. Dies stellt die Kantone und Gemeinden vor die anspruchsvolle Herausforderung, für die Vergabe und Finanzierung von Leistungsaufträgen sowie die Festlegung der von ihnen zu tragenden Restkosten der Pflege eine Rahmenordnung zu schaffen, die eine Grundlage für eine faire Konkurrenz zwischen den verschiedenen Organisationen bietet und gleichzeitig eine gewisse Zusammenarbeit und Vernetzung ermöglicht. Die Studie zeigt dabei, dass es erhebliche Unterschiede gibt in den Kostensrtukturen. Die Autoren empfehlen daher verfeinerte Kostenrechnungen und erweiterte Kennzahlenmodelle, um die Auswirkungen von Unterschieden in den Leistungsspektren und Klientenstrukturen auf die Kostenstrukturen der Leistungserbringer zu analysieren und abzubilden.

Zur Rolle und Funktion der Hauswirtschaft und der (sozial-)betreuerischen Leistungen von Spitexorganisationen

Die Frage nach den Versorgungszielen, welche in der Hauswirtschaft und in den (sozial-)betreuerischen Leistungen im Leistungsvertrag zwischen Spitex und Klientinnen/Klienten verfolgt werden, lässt sich nur differenziert nach ihren sehr heterogenen Zielgruppen und Kundensegmenten beantworten. Eine Aufschlüsselung zeigt die Vielfalt der heutigen Zielgruppen und der damit verbundenen Tätigkeitsprofile. Diese reichen unter anderem

  • von der einfachen Haushaltshilfe im Anschluss an einen Spitalaufenthalt aufgrund eines Unfalls oder einer Geburt über
  • die Haushaltshilfe in komplexen und instabilen gesundheitlichen Situationen (z.B. im Rahmen von Palliative Care oder einer ambulanten onkologischen oder psychiatrischen Behandlung),
  • die Übernahme der gesamten Haushaltsführung in Krisensituationen bis hin zu
  • instrumentellen Unterstützungsleistungen, die dem Verbleib im privaten Wohnumfeld, dem Erhalt und Förderung der Selbständigkeit oder der Entlastung der Angehörigen dienen.

Diese verschiedenen Aufgabengebiete setzen ganz unterschiedliche Kompetenzprofile der Mitarbeitenden voraus. Die Heterogenität der Tätigkeitsprofile und Zielgruppen erschwert die Positionierung der Hauswirtschaft und der (sozial-)betreuerischen Leistungen der Spitex.

Die Studie richtet ihren Fokus im weiteren Verlauf auf die Zielgruppe von pflege- und unterstützungsbedürftigen Personen, deren Selbständigkeit im Alltag aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen und schwindender Kräfte gefährdet ist, sowie deren Angehörige.

Die Bedeutung der Hauswirtschaft in der Spitex

Die Bedeutung der Hauswirtschaft und weiterer instrumenteller Unterstützungsleistungen für den Erhalt und die Förderung der Selbständigkeit und Lebensqualität dieser Zielgruppen werden im Vergleich zur Pflege oft unterschätzt. Die Bedeutung der Hauwirtschaft liegt dabei nicht nur in der unmittelbaren Unterstützung von Klientinnen und Klienten bei der Bewältigung der instrumentellen Alltagsaktivitäten. Weitere Ziele der Leistungen sind darüber hinaus, Schutzfaktoren zu stärken, die die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Klientinnen und Klienten fördern und erhalten, sowie Risikofaktoren zu reduzieren, die diese schwächen und zu einem Pflegeheim- oder Spitaleintritt führen könnten.

Die Studie kommt zum Ergebnis, dass der Hauswirtschaft allein und im Verbund mit der Pflege ein grosses Potenzial zukommt, massgeblich zur Prävention und primären Früherkennung von gesundheitlichen  und sozialen Problemen und zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit, Selbständigkeit und Lebensqualität beizutragen.

Zu den günstigen Voraussetzungen gehören der direkte Zugang zu den Zielgruppen und ihrem direkten sozialen Umfeld. Diese Möglichkeit ist bei weitem nicht in allen Präventionsbereichen gegeben – umso mehr als der Kontakt im direkten Wohnumfeld dieser Personen stattfindet. Zudem ist zu vermuten, dass mit der Spitex schwierig erreichbare Zielgruppen (z.B. solche mit niedrigem sozio-ökonomischem Status und/oder Migrationshintergrund) besser und nachhaltiger begleitet werden können, als in den meisten andern Präventionsbereichen. Die Hauswirtschafts- Mitarbeitenden stehen in regelmässigen Kontakt mit den Zielgruppen, was den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung und den partizipativen Einbezug der Klientinnen und Klienten ermöglicht.

Ebenfalls ist es in diesem Kontext möglich, die Aktivitäten ganz auf die individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten auszurichten und andere Akteure (z.B. Angehörige, Fachstellen, Fachpersonen) in die Aktivitäten miteinzubeziehen, was gerade in Hinblick auf die Nachhaltigkeit der Dienstleistungen von Vorteil ist.

Die differenzierte Analyse zeigt, dass die Hauswirtschaft in allen vier Bereichen der körperlichen, psychischen, sozialen und physikalisch-materiellen Risiko- und Schutzfaktoren im Hinblick auf die körperliche und psychische Gesundheit von älteren Menschen einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Dieser Beitrag der Hauswirtschaft zur Prävention und Früherkennung von Problemen kann bei einer entsprechenden Förderung, Schulung sowie Systematisierung der Beobachtung, der Massnahmen und des Austausches ausgebaut werden.

Analyse der Kostenstrukturen und Finanzierungsströme

Die Studie widmet sich in einem zweiten Teil der Analyse der Kostenstrukturen der Leistungserringung und der Finanzierungsströme zwischen Versorgungsbereichen und Kostenträgern. Auf diese – eher an Fachleute gerichteten Ergebnisse – gehe ich hier nicht im Detail ein.

Wer sich aber für die ausführlichen Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie interessiert, kann sich diese hier als PDF runterladen.

Dieser Beitrag wurde unter Politik & Gesundheit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz * Frist ist abgelaufen. Bitte laden Sie den Spamschutz erneut.