Ist neu immer auch besser?

Als eifriger Nutzer von Computern und Software, der gerne immer das Neuste hat, kenne ich das bestens. Kaum installiert, stelle ich oft fest, dass das innovative Gadget noch nicht ganz ausgereift ist oder die Software einfach noch nicht rund läuft – oder mit anderen Anwendungen nicht kompatibel ist. Meist hält dann das Ding schlicht nicht, was die Werbung versprochen hat.

Nun lese ich im Tages-Anzeiger online unter dem Titel Hightechmedizin birgt Risiken, dass dies offenbar auch bei medizinischen Geräten so sein kann. Da mag sich das Erstaunen ja noch in Grenzen halten. Was aber nachdenklich stimmt: Gemäss dem Artikel führe die Konkurrenz der Spitäler um gutbezahlende PatientInnen dazu, dass innovative medizinische Methoden eingesetzt werden, bevor sie seriös getestet und bevor nachgewiesen sei, dass die neue – meist teurere Methode – gegenüber der traditionellen tatsächlich Vorteile aufweist.

Zum Beispiel Nanoknife

Da ist zum Beispiel die Rede von Nanoknife, einer Operationsmethode, bei der Tumore mit sehr kurzen, kräftigen Stromstössen entfernt werden. Diese Technik sei zwar vielversprechend, heisst es im Beitrag, aber sie habe auch ihren Preis. Vor allem aber sei die Methode wenig untersucht. Fachleute fordern daher, dass neue Methoden zuerst an wenigen, gut ausgestatteten Zentren systematisch untersucht werden. Das Nanoknife sei eine von vielen chirurgischen Neuerungen, die sich verbreite, bevor Nutzen und Risiken ausreichend untersucht seien.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) warnt sogar ausdrücklich vor der neuen Methode. Sie weist darauf hin, dass diese Hoffnung machende Werbung des Herstellers für eine „neue Technik im Kampf gegen Prostatakrebs“ ungerechtfertigt und gefährlich sei, da der Wert dieser Behandlung noch völlig ungesichert sei. Mehr darüber hier.

Lernen aus Da Vinci

Ähnliches habe man gemäss dem Wissen-Redaktor Felix Straumann vom Tages-Anzeiger auch bei der Einführung des Operationsroboters Da Vinci für urologische Operationen feststellen können. Weil zunächst der Nutzen noch nicht klar und die wissenschaftliche Evidenz noch nicht vorhanden gewesen sei, habe das Triemli-Spital zwar vorerst auf eine Anschaffung verzichtet – mit fatalen Folgen für das Spital, wie sich später zeigen sollte. «…. die Meinungen bei den Patienten und den Spezialärzten waren auch ohne wissenschaftlich fundierte Fakten bereits gemacht. Am Triemli ging in der Folge die Zahl der Patienten mit Prostatakrebs zurück. Und für eine neu zu besetzende Urologie-Stelle fand man niemanden, der diese ohne einen solchen Roboter übernehmen würde.» sagte ein Vertreter des Spitals.

Konsens-Konferenzen als Lösung?

Obwohl schon lange bekannt, sei es bis jetzt nicht gelungen, das Problem voreilig eingeführter Innovationen zu lösen. Kritische Patienten könnten helfen, Auswüchse zu mindern.

Weiter heisst es im Artikel: «Eine Verbesserung der Situation könnten Konsensus-Konferenzen nach dem so genannten dänischen Modell sein, bei denen neue Verfahren bewertet werden. Eine derartige Konferenz wurde kürzlich für die minimalinvasive Leberresektion in Japan abgehalten. Clavien ist einer der Autoren, die das Verfahren dieses Frühjahr im Fachblatt «Annals of Surgery» veröffentlichten. Die Besonderheit bei dieser Konsensfindung ist, dass ein Gremium von Nicht-Spezialisten die eigentliche Beurteilung einer Methode übernimmt. Es handelt sich um Chirurgen, die die Technik kennen, aber nicht im grossen Stil anwenden. Sie lassen sich von Spezialisten mit wissenschaftlichen Fakten versorgen und geben anschliessend Empfehlungen ab. Im konkreten Fall ergab sich, dass die Laparoskopie nach aktuellem Wissensstand bei kleineren Leberteilentfernungen besser ist, bei grösseren Eingriffen noch Forschungsbedarf besteht.»

In seinem Kommentar unter dem Titel Gesundes Misstrauen schreibt Wissen-Redaktor Felix Straumann, dass es ja eigentlich nicht darum gehe, die neuste, sondern die beste Behandlung zu erhalten und das sei bekanntlich nicht immer das Gleiche. Trotzdem fielen wir immer wieder aufs Neue darauf herein. Nicht nur Laien, auch Ärzte seien nicht davor gefeit.

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