Integrierte Versorgung – eine Tagung des Forum Managed Care

Darin sind sch alle einig: eine verstärkete Zusammenarbeit aller im Gesundheitswesen tätigen Organisationen ist wichtig. Integrierte Versorgung ist eine Notwendigkeit, um die Qualität der medizinischen Dienstleistungen weiter zu verbessern und die Kosten vermeht in Griff zu bekommen. Praktisch alle, die in den letzen Jahren ärztliche Leistungen in unterschiedlichen Institutionen beansprucht haben, können eine Geschichte von ihren Erlebnissen erzählen und meist geht es ums gleiche Thema: bei der Koordination klemmt es.

Deshalb setzen sich Bund, Kantone und Gemeinden immer stärker für die bessere Integration der Versorgung ein. Nicht alle sehen das aber als eine positive Entwicklung, denn wenn sich die öffentliche Hand zu sehr in die Gesundheitsversorgung einmischt, ist man in der Schweiz erst mal skeptisch und wittert rasch Staatsmedizin. Es kommen Schreckensbilder von monatelangen Wartezeiten oder unterlassenen Therapien in staatlichen Gesundheitssystemen auf, auch wenn diese meist masslos übertrieben oder sogar falsch sind. In vielen zentralen Bereichen sind uns diese Gesundheitssysteme nämlich voraus: denn integrierte Gesundheitssystem orientieren sich mehr am Nutzen und der Wirkung, koordinieren die Behandlung von PatientInnen effizienter und verfügen über bessere Behandlungsdaten; das zeigen auch internationale Vergleiche der OECD.

Die Integration der medizinischen Leistungen wird in Zukunft aber immer wichtiger, denn hier liegt nicht nur ein enormes Sparpotiential sondern auch Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung der Behandlungsqualität. Mit der unabwendbaren Zunahme des Anteils älterer Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten nimmt z.B. die Bedeutung der Koordination zu: Diese Menschen benötigen nicht nur medizinisch-pflegerische Betreuung, sondern haben auch psycho-soziale Bedürfnisse. Ihre Lebenssituation hat zudem juristische (Urteilsfähigkeit der Betroffenen) und finanzielle Aspekte (Ergänzungsleistungen, Hilflosenentschädigung), die im Verantwortungsbereich von Kantonen und Gemeinden liegen und diese erheblich belasten.

Kantone und Gemeinden sind zudem (Mit-)Besitzer von Leistungserbringern wie Spitälern, Psychiatrie oder Pflegeheime und deshalb regelmässig mit Interessenkonflikten konfrontiert: hin- und hergerissen zwischen dem Wohlergehen der Bevölkerung und ihren vielfältigen, teils konkurrierenden Zuständigkeiten in der Gesundheitsversorgung. Folglich sind sie an integrierten, patientenorientierten Versorgungskonzepten interessiert, welche diese Interessenkonflikte reduzieren können.

Kein Wunder also dass Bund, Kantone und Gemeinden seit einigen Jahren immer aktivere Rollen in der Integrierten Versorgung einnehmen. Und die Vermutung liegt nahe, dass sich Bund, Kantone und Gemeinden in Zukunft noch viel stärker für die bessere Integration der Versorgung einsetzen werden. Dies geht auch aus einer Umfrage hervor, die kürzlich vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie der Hochschule Luzern durchgeführt wurde und am fmc-Symposium in Bern kürzlich präseniert wurden. Eines der überraschenden Resultate der Studie: der Staat sollte aktiver fördern, vor allem der Bund. Bund, Kantone und Gemeinden sollen in Zukunft die rechtlichen Grundlagen schaffen, die Vergütungsmodelle anpassen und vermehrt Plattformen zur besseren Koordination und Kommunikation generieren. Die vollständigen Ergebnisse dieser Studie können Sie hier online einsehen.

Das Forum managed care hat zu dieser Fragestellung vier Handlungszenarien präsentiert, die aufzeigen sollen, welche Erwartungen an welche Akteure im Gesundheitssysstem gestellt werden könnten. Sie basieren auf zwei grundlegenden Annahmen:

  • Die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen wird umgesetzt, weil neue oder zusätzliche staatliche Rollen nur dann sinnvoll sind, wenn dieser zentrale Fehlanreiz beseitigt ist.
  • Auf Ebene Bund und/oder Kantone sind rechtliche Normen in Kraft («Experimentier-Artikel»), die innovative Versorgungs- und Vergütungsmodelle unterstützen.

Die Szenarien können Sie hier als PDF herunterladen.

Der Ruf nach mehr Staat ist aber auch Folge einer Entwicklung, in der die nötigen Entscheide immer schwieriger wurden und sich die Vielzahl der Interessen der Akteure und Interessengruppen sich zum Teil gegenseitig widersprechen und deshalb Fehlanreize zu unerwünschten und zum Teil auch kostspieligen Entwicklungen geführt haben. Ob aber der Staat mit seinen komplexen und langwierigen Entscheidungsfindungswegen wirklich einen Beitrag zum Konsens erbringen kann oder zu radikalen Entscheiden fähig ist, wird sich zeigen müssen.

Einen Beitrag zu dieser Frage hat Dr. David Bosshart, Trendforscher und CEO des Gottlieb Duttweiler-Instituts in seinem Referat „Ohne Staat keine integrierte Versorgung – keine integrierte Versorgung ohne Wettbewerb“ geleistet. Aus seiner Sicht ist ein gemeinsamer Mittelweg nötig, in dem staatliche Eingriffe und privatwirtschaftliche Initiativen sich gegenseitig ergänzen.

Daneben braucht es aber, so Bosshart, Ambitionen statt Gleichgültigkeitt, Zynismus und „Moralin“, lösungsfähige und lernende Netze, statt ständiges Aufschieben von Entscheiden, und eine gemeinsame „Storyline“ und Sprache, um Verwirrung zu vermeiden. Die Erfahrung zeige, dass kein grosses Projekt Chance zur Umsetzung habe, wenn es keine gemeinsame Sprache darüber gebe.

Diskutiert wurden am Symposium auch  Strategien und Vernetzungspraktiken, die sich bewähren oder nicht bewährt haben.

Das fmc hat eine Rückschau auf die Tagung mit Zusammenfassungen der Referate und Interviews mit den ReferentInnen hier aufs Netz gestellt.

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