Integrierte Versorgung – braucht es das?

Eingeladen hat das Forum Managed Care (fMC) – gekommen sind prominente Sprecherinnen und Sprecher aus dem In- und Ausland und eine gemischte Teilnehmerschaft aus der Welt der Medizin, zum Symposium «Smarter Healthcare – die Kunst der klugen Integration» in Bern.

Und eines war allen von Anfang an klar: Es braucht mehr Integration im Gesundheitswesen. Mehr Zusammenarbeit ist gefragt zwischen Institutionen, Fachleuten, neuen Technologien und vor allem auch mehr Integration bei den vorhandenen Daten. Darum wurde an diesem Symposium nicht nur über PatientInnen, SpezialistInnen und Hausärztinnen, über Pflegeberufe, Apotheken, Krankenversicherungen und Spitäler gesprochen, sondern auch über Informatik, Datensicherheit, Vernetzung und künstliche Intelligenz (artificial intelligence), die den Kranken und den Mitarbeitenden von medizinischen Institutionen helfen soll, schneller gesund zu werden oder besser behandeln zu können.

Mit grossem Feuer für die künstliche Intelligenz: Peter A. Haig, Senior Executive Consultant und Kognitive Computing Ambassador bei IBM Research (Bild: Werner Mäder)

Bei der Frage nach dem richtigen Weg zur notwendigen Integration und Zusammenarbeit stiess die Einigkeit aber an Grenzen. Lobten die einen die Vielfalt der Modell, so bemängelten die anderen die fehlende Strategie, die mangelnde Führung durch die politischen Instanzen und Behörden. Sie befürchteten, dass das Fehlen von Standards zu Überforderung und Leerläufen führen werde.

Die Folgen davon waren am Symposium deutlich spürbar: die grosse Vielfalt an Lösungen, Programmen und Projekten führe letztlich nach dem Prinzip des Marktes zu effizienteren Lösungen glaubte ein Teil der ReferentInnen und immer wieder „life“ befragten TeilnehmerInnen, währende kritischere Geister von unübersichtlichem Wildwuchs sprachen, der letztlich dann eben eher zu Desintegration als zu Zusammenarbeit führe.

Führte gewohnt souverän durch das Symposium: PD Dr. Peter Berthold, Präsident FMC (Bild: Werner Mäder)

Die Zeit aber läuft schnell weiter, die Kosten des Gesundheitswesens steigen kontinuierlich und die Zahl der älteren, vom Gesundheitssystem abhängigen (chronisch) Kranken nimmt laufend zu. Und gerade bei diesen würde vermehrte Zusammenarbeit und Integration der Angebote die Qualität der Betreuung steigern und die Kosten senken.

Die drei besten Projekte des Förderpreises des fmc (Schweizer Forum für integrierte Versorgung) geben zumindest einen Hinweis, in welche Richtung denn smarte Integration gehen sollte. Sie stehen für eine wachsende Zahl von Modellen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Zusammenarbeit unter Institutionen und Fachleuten im Dienste der PatientInnen zu verstärken.

Es wurden 84 Projekte eingereicht, welche vom fmc-Vorstand beurteilt wurden. Die Projekte mit den höchsten Punktzahlen wurden dem Strategischen Beirat für den Förderpreis empfohlen, woraus der Strategische Beirat drei Projekte für die Präsentation am Symposium nominiert hat. Die Sieger wurden von den Teilnehmenden des Symposiums gewählt.

Platz 1: ACP-NOPA: gemeinsame vorausschauende Betreuungs- und Notfallplanung ermöglicht selbstbestimmtes Leben bis zuletzt

Gut 40% der Menschen, schreiben die Autoren zu Ihrem Projekt, würden wenige Tage vor ihrem Tod notfallmässig in ein Akutspital eingewiesen und stürben dort. Dies belaste Patient und Angehörige und sei teuer. Sehr oft wären die Notfallsituationen vorhersehbar und könnten auch zu Hause oder im Heim behandelt werden. Voraussetzung sei ein vorheriges Gespräch und schriftliches Festhalten der möglichen Notfallsituationen und Vorgehensweisen. So könne Leiden rasch und wirksam bekämpft werden, Menschen könnten häufiger am gewünschten Ort sterben und ungewollte Hospitalisationen um mehr als 50% reduziert werden, was spürbare Kosteneinsparungen bringe.

Mit Stolz den Förderpreis entgegengenommen: Isabelle Karzig-Roduner und Dr. med. Andreas Weber (Bild: Werner Mäder)

Das Projektteam will durch gemeinsam erarbeitete Notfallpläne und Schulung von medizinischen Mitarbeitenden dazu beitragen, dass Schwerkranke vor ihrem Tod nicht mehr ins Spital eingeliefert werden müssen und zuhause in Würde sterben können.

Das „Pôle Régional Santé “ – eine regionale Antwort auf Notfallsituationen, Krisenintervention und  und Zwischenplatzierungen.

Das zweitplatzierte Projekt befasst sich mit der Behandlung von Notfällen, Krisen und PatientInnen in Übergangssituationen im nördlichen Waadtland. Es setzt an bei der Überlastung der Notfallorganisationen, der Abnahme der Erste-Hilfe-Ärzte, der wachsenden Bedeutung der chronischen Krankheiten und der Mehrfacherkrankungen und die zunehmende Alterung in der Bevölkerung. Gemäss den ProjektautorInnen erforderten diese Veränderungen einen Paradigmenwechsel und ein Reorganisation der Ersten Hilfe-Institutionen.

Das Ziel des Projekts sei die Optimierung der Unterstützung von erwachsenen PatientInnen im Falle eines Notfalles, einer akuten Krise oder bei einem Übergang zwischen verschiedenen Gesundheitspartnern der Région Nord vaudoise. In einer ersten Phase soll „Le Pôle Régional Santé“ klinische Prozesse für die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Partner definieren. In einer zweiten Phase sollen in einem gemeinsamen Gebäude die Funktionen Triage, die Erste-Hilfe-Medizin, die regionalen mobilen Sanitätsdienste spezialisierte Konsulationen, Pflege in Übergangssituationen, temporäre Betten und eine Apotheke zusammengeführt werden.

Spital der Zukunft Live – vernetzte Krankenversorgung mit elektronischem PatientInnen-Dossier

Sowohl das elektronische Patientendossier (EPD) und die damit verbundene Vernetzung als auch Entwicklungen im Bereich personalisierte Medizin, mobiles Selbst-Monitoring und der Ablaufoptimierung haben das Potential, die Krankenversorgung zu revolutionieren. Im von der Berner Fachhochschule BFH und der GS1 initiierten Projekt «Spital der Zukunft Live» soll aufgezeigt werden, welche Wirkung ein durchgängiger Informationsfluss auf den Prozessablauf, die Behand-lungsqualität und die Patientensicherheit hat.

Das Projekt geht von einem komplexen, aber fingierten Fall aus. Es handelt sich dabei um eine ältere, mehrfach erkrankte Patientin, die eine Hüft-Totalendoprothese für ihre fortgeschrittene Hüftarthrose benötigt. Dabei wurden 59 Aktivitäten definiert, die sich durch Synergieeffekte von Vernetzung, personalisierter Medizin, Selbst-Monitoring und Ablaufoptimierung wesentlich verbessern lassen. Dazu gehören digital unterstützte Medikationsprozesse im ambulanten und stationären Umfeld, alters-gerechte Assistenzsysteme im häuslichen Umfeld ebenso wie eHealth-optimierte Services. Die Aktivitäten werden zu Projekten zusammengefasst und zusammen mit klinischen Partnern, u.a. dem Spitalzentrum Biel, von Studierenden des Bachelor-Studiengangs Medizininformatik exemplarisch umgesetzt und evaluiert.

Synthese

Besonders imponiert hat mir die abschliessende Synthese von Prof. Dr. Volker Amelung vom Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der medizinischen Hochschule Hannover, der viele angesprochene Aspekte in einer Art kritischen Zusammenfassung auf den Punkt gebracht hat.

Eine kluge Synthese von Aussen: Prof. Dr. Volker Amelung, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Mediziinschen Hochschule Hannover (Bild: Werner Mäder)

Die digitale Welle sei im Kommen, aber noch bleibe ein ambivalentes Gefühl. Künstliche Intelligenz könne die Kunst der ärztlichen Tätigkeit nicht ersetzen. Die Potenziale seien bekannt, besonders in einer unterdigitalisierten Branche, wie der Medizin.

Integration sei definitiv ein Erfordernis der Zeit. Es stelle sich aber die Frage, ob diese horizontal, d.h. zwischen vergleichbaren Funktionen, oder vertikal entlang der Versorgungskette erfolgen soll. Zwar befreie die horizontale Integration vor der Isolation. Viel grössere Potenziale wittert Amelung aber in der vertikalen Integration. Mit ihr liesse sich die medizinische Wertschöpfungskette optimieren und neue Angebote gestalten. Spannend – so der Fachmann – werde es aber definitiv, wenn man Gesundheitspflege und soziale Systeme integriere.

Nicht zuletzt deshalb soll man, statt nach noch mehr Anreizen zu suchen, vermehrt die bestehenden Fehlanreize aus dem Wege räumen.

Die Kunst der klugen Integration liege nicht in der Durchstandardisierung der Prozesse und Abläufe sondern darin, sinnvolle, individuelle Lösungen zu suchen. Er plädierte denn auch, vermehrt in Zielen zu denken und von anderen Gesundheitssystemen zu lernen oder sie sogar zu kopieren, wenn sie sich als tauglich erwiesen hätten.

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