Gesundheitskompetenz braucht mehr als Wissen um die eigene Gesundheit

Verstehen Sie manchmal nur «Bahnhof», wenn sich Ihr Arzt mit Ihnen über Ihre Gesundheit oder Ihre Krankheit unterhält – oder gehören Sie zu den Menschen, die glauben, Gesundheit oder die Behandlungen von Krankheiten gehöre ganz in die Hände von Fachleuten. Wer sich im Internet, in Zeitschriften oder in Fachbüchern mit populärwissenschaftlichen Artikeln zu Gesundheitsthemen informiere, werde vom angehäuften Wissen nur noch kranker als vorher, sagen viele. Und von Ärzten heisst es, sie fürchteten nichts mehr, als PatientInnen, die schon genau wüssten, woran sie litten und was zu tun sei, lange bevor sie zur Arztvisite kommen. Was ist von diesen Vorurteilen zu halten und wie steht es wirklich um die Gesundheitskompetenz in der Schweiz?

Ein Report der Akademien der Wissenschaften geht der Frage nach

Tatsache ist, dass Wissen um Gesundheit und Krankheiten, also so genannte Gesundheitskompetenz, in der Welt der Medizin auch für Laien wichtig ist für die eigene Gesundheit, für wirksame Therapien von Krankheiten und für eine weiterhin finanzierbare medizinische Betreuung.

Dennoch ist gemäss Schätzungen der Prozentsatz von Menschen mit fehlender «Health Literacy» bzw. Gesundheitskompetenz noch immer sehr hoch. Viele Menschen haben Mühe, sich im Gesundheitssystem zu orientieren, ihren Arzt zu verstehen oder ihre Krankheitssymptome richtig einzuordnen.

Der Report «Gesundheitskompetenz in der Schweiz – Stand und Perspektiven», herausgegeben von den Akademien der Wissenschaften, fasst erstmals den Stand und die Perspektiven von Health Literacy in der Schweiz zusammen. Er möchte damit einen Beitrag leisten, Schwachstellen zu erkennen und Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Den vollständigen Bericht können Sie übrigens hier als PDF herunterladen.

Ein Hausarzt bringt es auf den Punkt

In seinem Beitrag zum Thema bringt es Dr. Gerhard Schilling (Präsident Institut für Praxisinformatik (IPI), Vorstandsmitglied Hausärzte Schweiz-MFE, SGAM-Vorstand, Co-Chefredaktor PrimaryCare, Stein am Rhein) aus der Sicht der PatientInnen und der HausärztInnen auf den Punkt. Er schreibt, dass es eines der gemeinsamen Ziele sei, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu fördern. Dabei könne eHealth und mHealth (mobile Health, z.B. mit Apps auf Smartphones)  zweifelsohne einen Beitrag leisten. Dennoch sieht er aber auch die Gefahren der Informationsbeschaffung durch PatientInnen, wenn diese sich in der heutigen, ungefilterten und ungewichteten Informationsflut verlieren.

Chancen und Gefahren für die Patienten

«Noch nie gab es für die Patientinnen und Patienten so viele Informationsmöglichkeiten wie heutzutage im Internet. Eine Unzahl von täglich sich vermehrenden Apps im mHealth-Bereich bieten Möglichkeiten an, sich und seine Körperfunktionen rund um die Uhr zu kontrollieren und gezielte Informationen zu erhalten. Dr.Google, Watson & Co besitzen ein umfassendes Fachwissen, wie es kein Arzt auch nur annähernd je verinnerlichen kann.

Insofern bietet das Internet neue und umfassende Informationsmöglichkeiten an. Der Haken daran ist aber die Tatsache, dass die unendliche Datenflut im Internet weder gewichtet noch auf ihre Wahrheit überprüft noch genügend kommentiert sind.

Wer sich also bei einem Symptom an Dr.Google wendet und so eine Selbstdiagnose stellen will, verrennt sich – bei fehlendem Fachwissen und Praxiserfahrung – unweigerlich in abenteuerlichste Krankheitsbilder, die mit der aktuellen Situation kaum je etwas zu tun haben. Insbesondere für eher ängstliche Personen lauern hier immense Gefahren und der Züchtung von Hypochondern wird massiv Vorschub geleistet.

Als Hausarzt verbringe er mittlerweile mehr Zeit damit, den Patienten eingebildete, «vordiagnostizierte» Krankheiten ausreden zu müssen, als sie über tatsächliche Erkrankungen informieren zu können, sagt Schilling. Die Zahl der dadurch ausgelösten unnötigen Untersuchungen und damit auch erheblicher Kosten, um den Patienten die Harmlosigkeit gewisser Beschwerden beweisen zu müssen, nehme leider massiv zu.

Nützliche Informationsquellen

«Umgekehrt bietet das Internet bei bekannten und bestätigten Diagnosen dem Patienten hilfreiche und ergänzende Informationen an, wie man sie als behandelnder Arzt aus Zeitgründen oft nicht genügend umfassend erteilen kann. Hier bietet das Internet also eine Chance und Hilfestellung an, die es sinnvoll zu nutzen und auch auszubauen gilt. Die Ärzteschaft ist in der Pflicht, vermehrt verständliche, gewichtete und kommentierte Informationstools anzubieten, wo sich die Patienten entsprechend seriös informieren und auch zurechtfinden können.» heisst es im Bericht.

mediX beispielsweise nimmt sich dieser Aufgabe an. So versteht sich der mediX-Blog auch als Medium, das seinen Lesern regelmässig vertiefte Informationen über Krankheiten und ihre Entstehung oder Präventionsmöglichkeiten informiert. Ausserdem veröffentlicht mediX regelmässig die mediX-Gesundheitsdossiers zu vielen Gesundheitsthemen, die Sie hier herunterladen können.

Auf diesem Gebiet bestehe noch grosser Nachholbedarf und ein neues Aufgabengebiet für die Ärzteschaft, insbesondere auch der Fachgesellschaften, Institute für Hausarztmedizin (IHAM) und Universitätskliniken, schreibt Schilling. «Nicht nur der Betroffene, sondern auch der behandelnde Arzt profitiert von einem gut und richtig informierten Patienten. Die Compliance ist deutlich besser und der Patient einfacher zu führen.»

Die Ergebnisse des Reports in Kürze

Als Fazit heisst es im Report wörtlich: «Die Förderung der Gesundheitskompetenz sollte integrativer Bestandteil einer nationalen Gesundheitsstrategie sein. Zudem sollte Gesundheitskompetenz ein strategisches Element des «Businessplans» jeder Gesundheitsinstitution sein: Der Bundes- und kantonalen Gesundheitsämter, der Fach- und Berufsorganisationen, der Spitäler und Heime, der Netzwerke in der Grundversorgung, der Gesundheitsligen, der Patienten- und Behindertenorganisationen, der Bildungsinstitutionen usw.

Viele Anstrengungen werden bereits unternommen, auch in der Schweiz. Es fehlen aber eine kohärente Linie und starke strategische Prinzipien. Im föderalistischen System der Schweiz hat es eine nationale Gesundheitsstrategie von Natur aus schwer, da die Kompetenzen und damit auch die Interessen auf verschiedene Ebenen und Akteure verteilt sind. Ohne expliziten und gemeinsamen Willen, die bislang fragmentierten und durch Einzelinitiativen gekennzeichnete Aktionsfelder der Gesundheitskompetenz in der Schweiz durch eine konzertierte und breit getragene Strategie zu ersetzen, werden Fortschritte nur zögerlich und unkoordiniert erfolgen. Und: Ohne gemeinsam getragenen Konsens darüber, was unter Gesundheitskompetenz zu verstehen ist und mit welchen Messmethoden der Fortschritt nachgewiesen werden soll, wird eine konzertierte Aktion keine nachhaltige Wirkung haben. Gesundheitsziele werden nur akzeptiert, wenn sie im Konsens von VertreterInnen der Politik, Kostenträgern, Leistungserbringern, Selbsthilfe- und Patientenorganisationen, Wissenschaft und Forschung erarbeitet und getragen werden.

Dafür wird folgendes Vorgehen vorgeschlagen:

  1. Basismessung der Gesundheitskompetenz der Schweizer Bevölkerung,
  2. Ziele zur Stärkung der Gesundheitskompetenz definieren,
  3. Massnahmen definieren,
  4. die Akteure bei der Umsetzung einbinden,
  5. Evaluation der Massnahmen.

Dieses Vorgehen ist sicher sinnvoller, als sich weiterhin «durchzuwursteln» und unkoordiniert von einer zur nächsten Initiative zu tappen. Angesichts der Komplexität des Gesundheitssystems ermöglicht der Vorgehensvorschlag auch, den Veränderungsprozess als Lernprozess zu verstehen und auszugestalten und das Vorgehen bei Bedarf an die veränderten Gegebenheiten anzupassen.»

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