Es gibt noch viel Luft nach oben

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein Verkanten im Steilhang – und schon lag ich ein paar Meter weiter unten im frischen Schnee, nach Luft schnappend und etwas verwirrt. Sofort war ein anderer Skifahrer zur Stelle und half mir wieder auf die Beine. Zwar schmerzten meine Rippen, aber ich glaubte, den wunderbaren sonnigen Skitag im Neuschnee weiter geniessen zu können. Doch als ich den Stock fest in meine rechte Hand nehmen wollte, war da nur Schmerz. Die rund 1000 Höhenmeter ins Tal zur nächsten Gondelbahn schaffte ich dann noch einigermassen, aber es war mir klar, dass mir ein Besuch in der Notfallstation des Regionalspitals in der Nähe bevorstand.

Freundlich und kompetent

Dort wurde ich freundlich empfangen und auch gleich einmal untersucht. Dann gab es die üblichen Fragen nach allgemeinem Gesundheitszustand, akuten Krankheiten, Allergien und aktuell eingenommenen Medikamenten. Ja, wenn ich mir nur diese komplizierten Namen merken könnte, die alle irgendwie auf «-in» enden. „Nehmen Sie Blutverdünnter?“ wurde ich gefragt, denn nach dem Röntgen war klar: mein rechter Arm musste operiert werden. In der Meinung, Aspirin Cardio sei ein Blutverdünner bejahte ich die Frage, was beim umstehenden medizinischen Fachpersonal zu Stirnrunzeln führte: „Dann können wir Sie heute nicht mehr operieren.“ Erst eine Blutentnahme und -untersuchung machte dann den Weg frei für die Operation.

Nochmals Befragung und Formulare

Ein paar Tage später, im Unterland: die Rippenschmerzen haben dank massivem Einsatz von Schmerzmitteln schon etwas abgenommen und manchmal habe ich nachts sogar etwas geschlafen. Dann plötzlich – am späteren Abend – wurden die Schmerzen so stark, dass ich weder weder stehen noch sitzen noch liegen konnte. Auch Atmen wurde zur Tortur. Per Online-Praxis kontaktierte ich meinen mediX-Hausarzt, der mir empfahl, im Regionalspital in der Nähe meine Rippen nochmals zu röntgen. Und wieder durchlief ich die ganze Reihe von Fragen und obwohl ein Austrittsbericht des operierenden Spitals mit allen Angaben vorlag, wurde alles noch mal fein säuberlich von Hand in einem Formular notiert. Die Pflegefachfrau erzählte dann die Gesichte dem Assistenzarzt, dieser dem Oberarzt. Irgendwie erinnerte mich das an das Flüsterspiel, das wir als Kinder immer so gern gespielt haben. Wer weiss, wie unterschiedlich die Geschichte jeweils lautete, die bei diesem Spiel am Ende herauskam, versteht wohl auch mein Zweifel an der Effizienz einer solchen Form der Informationsweitergabe.

Ein paar Gedanken zur Effizienz

Heute, ein paar Tage später geht es mir viel besser. Die Rippenschmerzen sind inzwischen schon fast ohne Schmerztabletten erträglich und der Bruch am rechten Radius-Knochen scheint auch zu heilen; die kleine Schiene hindert mich nicht mal am Tippen auf meiner Tastatur.

Und dies gibt mir die Gelegenheit, mir aufgrund meiner persönlichen Unfallgeschichte auch ein paar Gedanken zu machen zur Effizienz unseres Gesundheitswesens – besonders im Umgang mit Gesundheitsdaten.

Erstens: Zwar verfüge ich von jeder meiner drei Krankenkassen (Grundversicherung, Zusatzversicherungen, Privatversicherung) über ein eigenes Kärtchen mit einem elektronischen Chip – aber auf denen ist nur abgespeichert, was schon auf der Karte steht: Versicherten-Nummer, Name, Vorname, etc. Keines von denen enthält zum Beispiel medizinisch wichtige Informationen. wie Blutgruppe, Informationen zu eingenommenen Medikamenten, Allergien oder ähnliches. Warum eigentlich nicht? Das könnte – besonders in Notfällen, in denen ein Patient zum Beispiel nicht ansprechbar ist – dem behandelnden Arzt doch schon mal ein paar Hinweise geben, worauf er zu achten hat.

Zweitens: Ich bin fest überzeugt, dass ich nicht der einzige Patient auf der Notfall-Station bin, der die Namen der von ihm regelmässig eingenommenen Medikamente nicht kennt und im Stress auch nicht gleich alle seine Allergien aufzählen kann – sofern er sie überhaupt kennt. Warum geht eigentlich die Einführung eines elektronischen Patientendossiers in der Schweiz so schleppend voran? In einem solchen Dossier fände der behandelnde Arzt auf einen Blick alle für ihn relevanten Informationen und das riskante «Flüsterspiel» entlang der ärztlichen Hierarchie wäre unnötig. Jeder hätte die gleichen Informationen jederzeit zur Hand – zum Beispiel auf seinem Tablet.

Drittens: Ein solcher Umgang mit wichtigen medizinischen Informationen kann zu  Fehlbehandlungen aufgrund fehlerhafter oder gar fehlender Informationen führen, wenn zum Beispiel der Patient in einem Notfall gar nicht bei Bewusstsein ist. Ich frage ich mich aber auch, wie viel Zeit unnötig verstreicht für wiederholte Befragungen und Eintragungen in Formulare, für Daten, die – einmal abgespeichert – in einem elektronischen Patientendossier oder zumindest auf einem persönlichen Gesundheitskärtchen immer aktuell verfügbar wären, inklusive dem Austrittsbericht des Regionalspitals in den Bergen. Dieser wurde mir dafür fein säuberlich in Papierform in einem Couvert überreicht, zusammen mit einer CD mit meinen Röntgenbildern. Diese war allerdings nur mit einem Window-Computer zu öffnen: soviel zum Stand der Digitalisierung in der Schweiz.

Da scheint es dann doch noch viel Luft nach oben zu geben.

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