Die Schweiz und das digitale Gesundheitssystem

Unter dem Titel «HEALTH 2.015 – die Spielregeln des digitalen Gesundheitssystems», veranstaltete der Tages-Anzeiger kürzlich in Zürich sein Forum. Namhafte Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen und Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich sprachen dort über eHealth und zukunftsweisende Projekte im Bereich der Digitalisierung der Medizin.

Hintergrund für diesen Anlass ist die zunehmende Verschmelzung von Gesundheit und Lifestyle in Form von Sensoren in Uhren und Fitnessbändern beispielsweise. Solche Sensoren werden in einer digitalisierten Medizin (siehe dazu auch unseren Beitrag zum Thema Medicine 2.0) aber nicht nur Spielzeug sein, sondern ernstzunehmende medizinische Instrumente. Präzise Mikrosensoren könnten dann – um nur ein Beispiel zu nennen – als intelligente Tabletten geschluckt oder permanent implantiert werden.

Digitalisierung verändert eine Branche radikal

Aus den vielen Präsentationen hat mich eine besonders beeindruckt, obwohl – oder vielleicht gerade weil – diese von einem nicht-medizinisches Beispiel handelte. Christoph Brand, Leiter Bereich Digital und Mitglied der Unternehmensleitung von Tamedia AG, machte in seinem Referat nämlich deutlich, wie die Medienbranche – und damit einhergehend das Unternehmen Tamedia – von den Auswirkungen der Digitalisierung der Medienbranche im wahrsten Sinne neu aufgemischt und letztlich auch überrascht wurde. Seine Erfahrungen kurz zusammengefasst: «Es kann schnell gehen; es kann radikal sein und Versuche, Umsätze zu retten sind in vielen Fällen umsonst.»

© Wefrner Mäder© Werner Mäder, Uetikon_medix-moodbilder-6292Bei Tamedia seien z.B. wichtige Umsatzträger, wie Stellen- und Immobilieninserate in nur 14 Jahren um 70 %, bzw. 76 % radikal eingebrochen und ins Internet abgewandert. Diese massiven Veränderungen hätten gravierende Folgen für ein Unternehmen. Im Falle der Tamedia seinen die neuen Herausforderungen neben den neuen Technologien die neuen Wettbewerber, ein verbreitertes Angebot in bisher unbekannten Märkten sowie neue Skills. Noch vor wenigen Jahren sei es für ein traditionelles Medienhaus undenkbar gewesen, dass das Vorhandensein von talentierten Informatikern einmal genauso wichtig sei könnte für das Überleben des Unternehmens wie fähige, erfahrene und unabhängige JournalistInnen.

Das Beispiel elektronisches PatientInnendossier

Thema war natürlich auch das elektronische PatientInnendossier. Dabei waren sich die Experten einig, dass in der Digitalisierung der Patientendaten – angefangen bei der elektronischen Krankengeschichte beim Hausarzt – bis zum schweizweiten, gemeinsam gepflegten Dossier, unser Land Nachholbedarf hat. Die Rede war von einem Rückstand von rund 15 Jahren, den es nun rasch aufzuholen gelte.

Beeindruckend sind in diesem Zusammenhang die Lösungen, die man in Estland gemacht hat und am Forum von Prof. Andres Metspalu, Direktor des Estonian Genome Center, präsentiert wurden. Dort ist die Vision, dass die Identitätskarte oder das Smartphone zusammen mit einem Code, ähnlich wie bei uns die Bankkarte, Zugang zu allen persönlichen Gesundheitsdaten erlaubt, von der Versicherung über die Krankengeschichte bis zu wichtigen genetischen Informationen, die es erlauben, gesundheitliche Risiken abzuschätzen, bereits Realität. Mit guten Erfahrungen, wie Metspalu meinte. Voraussetzung dafür sei eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und das Vertrauen, dass die dafür zur Verfügung stehende digitale Infrastruktur sicher sei. Beides sei in Estland gegeben.

Das Beispiel Wallis, das im anfangs September als einer der ersten Kantone mit einem e-Dossier brillieren wollte, zeigt aber die Schwächen des Schweizer Ansatzes, in dem die Kantone die Verantwortung für die Einführung der elektronischen Patientendossiers tragen. In der Eile wurden offenbar gravierende Sicherheitsmängel übersehen. Die Walliser Regierung hat daraufhin die Lancierung gestoppt.

Der Direktor des Bundesamts für Gesundheit, Pascal Strupler, vertrat im Rahmen der Podiumsdiskussion die Ansicht, das Infomed-System sei trotz allem «vermutlich so sicher, wie es sein kann» – und das Problem sei wohl effizient unter Kontrolle zu bringen. Doch solch ein Fall koste Vertrauen. Was wiederum die ganze Idee der E-Patientendossiers schädige.

«Tatsächlich scheint das Problem nicht in der vorhandenen Technologie selber zu liegen, sondern in deren Auswahl und Anwendung.»  schreibt das online-Magazin Medinside dazu. Gemäss dem  Computersicherheits-Professor Pascal Junod scheine es schon auf den Zugängen zur Website grosse Sicherheitslücken zu geben. Gewisse Technologien seien vier oder fünf Jahre alt, teils würden sie gar nicht mehr unterstützt, so dass Verbesserungen und Updates nicht mehr möglich seien.

Der Direktor des Bundesamts für Gesundheit, Pascal Strupler, vertrat im Rahmen der Podiumsdiskussion die Ansicht, das Infomed-System sei trotz allem «vermutlich so sicher, wie es sein kann» – und das Problem sei wohl effizient unter Kontrolle zu bringen. Doch solch ein Fall koste Vertrauen. Was wiederum die ganze Idee der E-Patientendossiers schädige.

Dennoch plädierte auch Prof. Dr. Thierry Carrel, Direktor der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern im Zusammenhang mit elektronischen Patientendaten für ein Zusammenrücken von Informatik und Medizin. Es brauche einfache Lösungen, welche die Arbeit der Ärzte auch wirklich erleichtert. «Alle wissen es: es braucht mehr Transparenz über Daten, mehr Austausch und mehr Daten, dort wo es kritisch ist.»

e-Health – nicht primär die Kosten im Zentrum

Bei e-Health (wörtlich elektronische Gesundheit, sinngemäss digitalisiertes Gesundheitssystem) stünden nicht primär die Kosteneinsparungen im Vordergrund. Die Prognosen dazu sind denn auch sehr unterschiedlich. Dr. Urs Stoffel, Mitglied des Zentralvorstandes FMH, glaubt vielmehr, dass die Digitalisierung eine neue Ära der Medizin einläute, in deren neuen Möglichkeiten sich die Ärzteschaft heute intensiv auseinandersetzen müsse. e-Health führe primär zu mehr Nutzen wie Verbesserung der medizinischen Diagnosen und Prognosen, zu einer Vereinfachung der Prozesse aller Leistungserbringer. Vor allem in diesem Bereich sein noch viel Luft drin. In zweiter Linie komme dann aber die höhere Qualität der Behandlung, weniger Doppeluntersuchungen und weniger Fehl-Medikationen. Wörtlich sagte er: «Aus Schnittstellen Nahtstellen zu machen, verhindert Leerläufe, die wir uns einfach nicht mehr leisten können.»

Unter dem Titel Das Netz als Arzt und Apotheker ist übrigens zum Thema e-Health im Tages-Anzeiger ein interessanter Artikel von Andreas Möckli erschienen, der sich ausführlich den Möglichkeiten und Grenzen der  Digitalisierung im Gesundheitswesen widmet.

Fazit

Etwas ist klar geworden bei diesem Forum. Spricht man von e-Health geht es nur vordergründig um neue Geräte oder neue Software, sondern um das Neu-Erfinden einer Branche. Wer diese Zeichen frühzeitig erkennt, kann in Zukunft mit neuen Angeboten oder Dienstleistungen seine Position im Gesundheitsmarkt weiter ausbauen. Und die Geschwindigkeit des Wandels ist enorm: vor zehn Jahren hatte noch niemand eine APP, heute weiss fast jeder, wie man damit auf einem Smart-Phone umgehen kann. Martin Matter vom Universitätsspital Zürich meinte dazu: «Keiner von uns weiss, was in zehn Jahren mit der Informatik los ist.»

Mehr über das Tages-Anzeiger-Forum HEALTH 2.015 finden Sie hier. Einen guten Überblick über den Anlass gibt Ihnen auch das Kurzvideo, das Sie sich hier anschauen können.

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