Das Berner Modell der integrierten Versorgung

Zur Optimierung der Gesundheitsversorgung in der Region Zollikofen wolllen Hausarzt Dr. med. Michael Deppeler und seine Mitstreiter eine Firma aufbauen, die Ärzte, Spitex, Spitäler und Heime vernetzt. Um diese innovative Idee schon bald umsetzen zu können, haben sie kürzlich Interessierte zu einem Anlass unter dem Motto „xunds grauholz“ eingeladen. Den Begriff «Gesundheit» haben die Initianten in ihrer Einladung zum Anlass so definiert:

Gesundheit wird dort von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben.

Gesundheit entsteht dadurch,

  • dass man sich um sich selbst und für andere sorgt.
  • dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben, sowie dadurch,
  • dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.

„xunds grauholz“ – das Berner Modell integrierter Versorgung – orientiert sich an diesen Grundsätzen und an den Erfahrungen der 35 Schwarzwälder Ärzte, die 2005 das „Gesunde Kinzigtal“ gegründet haben. Auf gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Ebenen sei dort ein Mehrwert entstanden. Die Menschen seien Partner und Gewinner geworden, schreiben die Initianten. Sie seien überzeugt, dass in der Region Grauholz (fast) alles da sei, damit sie gemeinsam ein Berner Modell einer integrierten Versorgung entwickeln könnten.

«Es schaut jeder für sich.» Michael Deppeler (54) weiss, wovon er spricht. Er ist seit zwanzig Jahren Hausarzt in Zollikofen und Co-Leiter der Organisation Dialog Gesundheit. Seine Gruppenpraxis besteht seit zehn Jahren und ist Teil des Notfallkreises Grauholz. Ein reines Ärztenetzwerk sei heute nicht mehr genug, sagt er. Im Gesundheitswesen sei jeder Anbieter weitgehend für sich tätig und habe Angst, dass er Patienten verliere. «Trotz Gemeinschaftspraxen und Ärztenetzen fehlt eine echte, koordinierte Zusammenarbeit aller Involvierten.» Ihm schwebt eine Organisation vor, «welche die behandelnden Fachleute und die Patienten zusammenführt und eng vernetzt». Das bringe den Patienten Vorteile und senke dazu auch die Gesundheitskosten.

Deppeler verweist auf Süddeutschland. In der Region Kinzigtal im Schwarzwald besteht ein Gesundheitsunternehmen, das genau dies tut. Die Gesundes Kinzigtal GmbH koordiniert und managet alle Bereiche der Gesundheitsversorgung. Der Mitbegründer und Hausarzt Martin Wetz hat dieses Modell in Zollikofen vorgestellt. Deppeler ist überzeugt: «Ein ähnliches Modell ist auch hier realisierbar.»

Weniger Spitalaufenthalte

Auf den Nutzen eines solchen Konstrukts angesprochen, bringt Deppeler ein Beispiel. Zwischen 18 und 20 Uhr bestehe eine Lücke in der Versorgung, weil die Hausarztpraxen schliessen und der Notarzt bis 20 Uhr, wenn das Spital übernimmt, überbrücken müsse. «In dieser Zeit werden Patienten oft hin und her geschoben.» Im Modell Kinzigtal wäre aber eine Fachperson vorhanden, welche die nötigen Massnahmen in die Wege leiten könnte.

Ein anderes Beispiel erzählt Martin Wetz aus dem Kinzigtal. Eine ältere Person mit einem schwachen Herz, die zu Hause lebt, werde bei einer Attacke normalerweise ins Spital überwiesen. Das sei zwar notwendig. Doch oft käme es gar nicht so weit, sofern dem Hausarzt vorher Symptome auffielen, die auf eine Krise hindeuteten. Wetz: «Bei uns ruft jemand aus der Praxis einmal pro Woche den Risikopatienten an und fragt seine Werte ab.» Dadurch können Anzeichen einer Herzattacke erkannt und der Patient behandelt werden, statt ins Spital eingewiesen.

Solche und weitere Massnahmen – darunter Prävention und Patientenschulung – bewirken, dass die Gesundheitskosten sinken. Im Kinzigtal profitieren sowohl die beteiligten Krankenkassen wie auch die Firma Gesundes Kinzigtal. «Mit diesem System kommen wir immer besser über die Runden», sagt Wetz.

Rund ums Grauholz haben die Vorarbeiten für eine ähnliche Struktur erst begonnen. Bei den Ärzten seien noch Bedenken vorhanden, weiss Deppeler. Einige seien aber interessiert. Starten möchte er mit einer Kerngruppe aus Hausärzten, Patienten, nicht-ärztlichen Profis sowie Vertretern von Krankenkassen.

Suche nach Finanzierung

Zuerst brauche es «Vertrauen und Konses», dann eine Anschubfinanzierung von rund 50 000 Franken, so Deppeler. Bei Bund und Kanton seien Geldmittel für Pilotprojekte der integrierten Versorgung wie Xunds Grauholz vorhanden. Möglich sei zudem, dass eine AG gegründet werde, bei der auch die betroffene Bevölkerung Aktien zeichnen könnte.

Für Michael Deppeler steht nicht das Kostensparen im Vordergrund. «Wir wollen eine nachhaltige Versorgung, bei der sich Ethik, Qualität und Ökonomie nicht ausschliessen. Das soll ältere Ärzte entlasten, weil sie künftig nicht mehr alles selber machen müssen, und die jungen Ärztinnen mit attraktiven Arbeitsmodellen anziehen.»

Lesen Sie dazu den Artikel in der Berner Zeitung online.

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