Auch in der Medizin sind Frauen und Männer nicht gleich

Kürzlich hat Alexandra Bröm in der SonntagsZeitung unter dem Titel «Der kleine Unterschied kann tödlich sein« ein interessantes Thema aufgegriffen. In ihrem Beitrag zeigt sie auf, dass trotz der klaren Unterschiede zwischen Frau und Mann heute die meisten Medikamente an Männern getestet werden. Und dies habe gravierende Folgen, meint Bröm; dass sie bei Frauen gleich wirken, werde einfach angenommen, sei aber längst nicht immer der Fall.

Im Ärztemagazin «Journal of the American Medical Association» (Jama) haben erst kürzlich zwei US-Forscherinnen auf diesen Missstand hingewiesen. In deren Studie heisst es, dass «das Geschlecht … zu grundsätzlichen Unterschieden in der Physiologie, die sich direkt auf die Gesundheit auswirken» führe.

Cara Tannenbaum, Medizinprofessorin an den Canadian Institutes of Health Resaerch und Mitautoren der Studie weist denn auch darauf hin, dass «Die Enzyme in der Leber, die dafür sorgen, dass Medikamente wirken oder nicht wirken, … bei ­Frauen teilweise andere» seien, Auch gebe es Unterschiede, wie sich die Medikamente im Körper verteilten. Frauen seien meist kleiner, hätten aber einen grösseren Fettanteil. Weil sich manche Medikamente im Fettgewebe ansammeln, könne das einen Einfluss auf deren Wirkung haben. Und die weiblichen Nieren erreichten nur 80 Prozent der Leistung der männlichen Nieren beim Abbau von Stoffen. Und auch der weibliche Zyklus könne einen Einfluss haben.

Frauen sterben häufiger an Herzinfarkten als Männer

Ein Problem ist das Geschlechterverhältnis auch in der Kardiologie. «Frauen sterben doppelt so häufig an Herzinfarkten wie Männer», sagt die Kardiologin Catherine Gebhard vom Universitätsspital Zürich. Sie hätten nach einem Herzinfarkt zudem schlechtere Überlebenschancen. Trotzdem sind heute nur 24 Prozent der Testpersonen in Herzstudien weiblich, ältere Frauen seien zudem kaum vertreten. Obwohl inzwischen klar sei, dass sich männliche und weibliche Herzen im Alter anders entwickeln.

«Wir wissen noch viel zu wenig darüber, warum Frauen häufiger an einem Herzinfarkt sterben als Männer», sagt Gebhard. Das Problem fange schon auf der ­untersten Stufe an. Fast alle Labortiere für die Versuche, die vor den klinischen Studien stattfinden, seien männlich. Man nehme dann einfach an, dass die Resultate auch für weibliche Tiere gelten.

Klinische Studien an Patienten finden in drei Phasen statt. In der ersten Phase testen die Forscher vor allem die grundsätzliche Verträglichkeit einer Substanz an Freiwilligen. Diese Testpersonen sind meist junge Männer. Bei Frauen bis zur Menopause müsste immer erst feststehen, dass sie nicht schwanger sind. Allerdings sind gerade in der Kardiologie vor ­allem ältere Frauen betroffen.

«Bei Frauen spielt Stress als auslösender Faktor für Herzinfarkte eine grössere Rolle als bei Männern», sagt Gebhard. Trotzdem habe sie kürzlich eine Studie zu Gesicht bekommen, in der es um die Rolle des vegetativen Nervensystems ging. Ebendieses autonome Nervensystem reagiert ­sensibel auf Stress. Die Studie hatte 71 Testpersonen, 70 waren Männer.

Forscherinnen aus der Schweiz gründen Women’s Brain Project

Dank des Engagements verschiedener Forscherinnen rückt das Thema langsam mehr in den Fokus. Eine Gruppe von in der Schweiz tätigen Forscherinnen hat sich dieses Jahr deshalb zum Women’s Brain Project zusammengeschlossen. Die Initiantinnen um die Alzheimerforscherin Maria Teresa Ferretti von der Universität Zürich wollen sich dafür einsetzen, dass es mehr Studien gibt, die sich mit den Erkrankungen des weiblichen Gehirns beschäftigen.

Ein Problem sind die Finanzen. Studien, die nach dem Geschlecht unterscheiden, brauchen mehr Testpersonen, was das Ganze aufwendiger macht. Trotzdem sind alle Beteiligten überzeugt, dass sich das Engagement lohnen würde.

Dieser Beitrag basiert zu wesentlichen Teilen auf dem Text der SonntagsZeitung.

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Ein Kommentar zu Auch in der Medizin sind Frauen und Männer nicht gleich

  1. AndreaS sagt:

    Auch wenn immer von Gleichberechtigung gesprochen wird, bis sie wirklich erreicht wird, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Egal ob es um einen Posten als Krankenpfleger oder einen Chefarzt Job geht, die Bevorzugung ist immer eindeutig

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