Ambulant oder stationär – eine viel diskutierte und wichtige Frage

Kein Zweifel: die Debatte darüber, ob und wann es für unsere Gesundheit und unser Gesundheitssystem sowie dessen Kosten besser ist, kleinere Eingriffe ambulant oder stationär durchzuführen ist wichtig – und entsprechend auch intensiv geführt. Dabei stehen primär die Spareffekte im Vordergrund, denn ambulante Eingriffe sind meist kostengünstiger als stationäre, weil der Aufenthalt im Spital entfällt. Viel Anlass für Auseinandersetzungen gibt auch die Problematik, wer letztlich für ambulante Eingriffe bezahlen muss. Nach dem aktuellen Finanzierungssystem in der Schweiz werden stationär durchgeführte Operationen vom Staat – und damit von den SteuerzahlerInnen – mit rund 50 Prozent der Kosten subventioniert, während ambulante Eingriffe voll zu Lasten der Versicherungen – und damit der Krankenkassen-PrämienzahlerInnen – gehen. So wird dann die ambulante Operation für Versicherte und Versicherer teurer, obwohl sie für das gesamte System günstiger wäre. Und weil es dabei für viele Akteuere um viel Geld geht, wird über diesen Streitpunkt auch heftig gestritten. Eine Lösung der paradoxen Situation ist absehbar, aber wohl noch nicht so bald.

Ambulant oder stationär – bei der Kommunikation klemmt es noch

Mit einem ganz anderen Aspekt der Frage, ob ambulant oder stationär die bessere Lösung ist, wurde ich kürzlich konfrontiert, als meine Lebenspartnerin eine kleine Operation machen musste. Dabei wurde mir deutlich vor Augen geführt, wie wichtig bei einem ambulanten Eingriff im Spital die Kommunikation mit den PatientInnen ist. Wer nach der Operation noch eine Weile im Spital verbringt, ist umgeben von medizinischen Fachpersonen, von Pflegepersonal und ÄrztInnen. Kommen Fragen auf oder entstehen Probleme, so können die Betroffenen sogleich Auskunft geben oder weiterhelfen. Bei einem ambulanten Eingriff aber wird die PatientIn vor und nach der Operation ziemlich allein gelassen oder mit viel medizinischen Fachwörtern konfrontiert.

Zwar geht die Medizin heute von „informierten PatientInnen“ aus und erwartet von diesen auch einen aktiven Beitrag in der Entscheidungsfindung. Auf dem Weg dorthin müsste sich aber gerade im Umfeld von ambulanten Eingriffen die Kommunikation mit den PatientInnen noch stark verbessern, wie die folgende kleine Geschichte zeigt.

(Zu) viel Information und schwer verständlich

Im oben erwähnten Fall beginnen die Kommunikationsprobleme schon bei den Voruntersuchungen. Zwar war das Couvert, das meine Partnerin im Vorfeld vom Spital erhielt prall gefüllt und die enthaltenen Papiere voller Texte und ausführlichen Fragebogen erschlagend. Glücklicherweise ist die Patientin nicht nur des Lesens komplizierter Texte mächtig, sonst wäre sie vor dem Wulst der Komplexität der Informationen überfordert gewesen.

Allerdings. bei der ersten Voruntersuchung im Spital hat sich dann herausgestellt, dass ein wichtiger Hinweis gefehlt hat; die PatientIn hätte nämlich nüchtern erscheinen sollen. Da eine Narkose nun nicht möglich war, wurde der Untersuch leider schmerzhafter als er hätte werden müssen.

Unklare Abläufe

Eine weitere Untersuchung wurde nötig. Die behandelnde Ärztin war sehr freundlich und hat auch ausführlich informiert. Ich als Partner konnte sogar dabei sein und mithören. Als nächstes stehe nun der Termin mit dem Anästhesisten an und dann könne die Operation erfolgen; man werde zu beiden Terminen aufgeboten. Und hier gebe sie noch ein Klistier mit – in Form eines wurstförmigen Plastikbeutels gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Dieses sei vor der Operation anzuwenden. Kurz darauf erhielt meine Frau wiederum per Post umfangreiche Couverts mit Informationen und Fragebogen, die wir gemeinsam sorgfältig ausgefüllt haben.

Erst beim Termin mit dem Anästhesisten wurde es dann aber dramatisch: ohne vorgängige Untersuchung des Gesundheitszustandes der PatientIn könne die Operation nicht stattfinden – also ob man dies nicht bereits vorher hätte kommunizieren können. Zum Glück hatte die mediX für einer solche Untersuchung rasch einen Termin frei, sonst hätte die Operation verschoben werden müssen.

Fehlende Informationen

Am Vortag zur Operation haben wir uns dann auch mit der „Plastik-Wurst“ befasst. In den umfangreichen Unterlagen gab es Hinweise auf die Ernährung vor dem Eingriff, über die Anreise, den Ort und die Art der Anmeldung und per Telefon haben wir auch den genauen Zeitpunkt der Operation erfahren. Was aber mit der wässrigen Wurst zu tun war, stand in den Informationen nicht. Nach einer intensiven Suche im Internet haben wir dann eine Anleitung in Englisch vom Lieferanten des Klistiers gefunden. Diese enthielt nich nur einen Beschrieb des Vorgehens, sondern auch nützliche Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen. Insbesondere war dort auch zu lesen, dass nach dem Entleeren des Klistiers in den Darm kräftige Magenkrämpfe auftreten. Ohne diese Warnung wären wir ob der Folgen unseres Tuns wohl sehr erschrocken.

Wie in den Unterlagen gefordert, habe ich meine PatientIn ins Spital begleitet und dort auch auf sie gewartet. Die Operation ist gut verlaufen, hat aber deutlich länger gedauert, als ursprünglich angekündigt. Obwohl ich im Wartezimmer auf meine Partnerin gewartet habe, wurde ich aber weder über die längere Dauer noch über die Gründe dafür informiert. Informiert wurde dann meine Partnerin – noch kaum aus ihrer Narkose erwacht – über die weiteren Schritte, leider in meiner Abwesenheit. So hat sie verständlicherweise von der Narkose noch leicht im Dämmerzustand auch nicht alle Informationen mitbekommen. Gerade in diesem Moment hätte ich als wacher Geist gerne mitgehört und Fragen gestellt. Geblieben ist meiner Partnerin, dass sie mindestens drei Wochen nicht Baden gehen darf. Auch das hätte man früher kommunizieren können. Zum Glück hatten wir zur Erholung keine Badeferien geplant. Ausserdem hat sie ein Rezept erhalten mit einer langen Liste von Medikamenten, die in der Kantonsapotheke abzuholen waren. Jedes Präparat war säuberlich beschrieben mit der Häufigkeit der Einnahme. Verständliche Informationen über die Wirkung der Medikamente allerdings fehlten oder waren für den Laien nicht verständlich.

Komplizierte Texte aus medizinischen Fachbegriffen

Wenig später haben wir dann – wohl im Sinne informierter PatientInnen – den Austrittsbericht des Spitals erhalten. Um diesen allerdings zu verstehen, haben wir die aktive Unterstützung einer Hausärztin gebraucht. Weshalb ein solcher Bericht neben den sicher wichtigen medizinischen Details nicht eine kurze, leicht verständliche Zusammenfassung enthält, ist kaum nachvollziehbar, wird doch immer wieder betont, wie positiv sich gute Information auf die Gesundung von PatientInnen auswirkt.

Kurz: der Eingriff ist nichts Aussergewöhnliches und wird in diesem Spital hundertfach durchgeführt. Will man die PatientInnen wirklich ernst nehmen und sie als Menschen in den Ablauf einbeziehen, so müsste die Kommunikation deutlich verbessert werden. Warum gibt es kein umfassendes, leicht verständliches Merkblatt für die PatientInnen, die den Ablauf und die möglichen Folgen schon vor dem ersten Untersuch beschreibt? Ein solches Merkblatt könnte ja auch gleich kostengünstig in mehrere Sprachen übersetzt werden. Warum werden zu den wichtigsten Medikamenten und auch zum besagten Klistier nicht ein paar Informationen auf der Website des Spitals hinterlegt? Und warum wird der Partner oder die Partnerin bei der Besprechung nach der Operation nicht beigezogen, um sicherzustellen, dass die Informationen auch ankommen? Wie bei jeder Kommunikation ist es nämlich nicht wichtig, dass etwas gesagt oder geschrieben wurde, sondern dass es auch ankommt.

Das Beispiel zeigt eines deutlich: im Gegensatz zu einem stationären Eingriff sind nach einem ambulanten Eingriff keine medizinisch geschulte Mitarbeitende verfügbar. Für die PatientIn ist daher eine gute Kommunikation und greifbare, verständliche Informationen (z.B. in Form eines Merkblatts oder einer Internetseite) sehr wichtig, um  sich aktiv am Genesungsprozess beteiligen zu können.

Engagierte, emphatische Mitarbeitende

Eines soll hier aber nicht unerwähnt bleiben. Bei den festgestellten Problemen geht es um unstrukturierte Abläufe, um schwer verständliche Unterlagen und um mangelhaft koordinierte Abläufe – nicht um die Mitarbeitenden. Wir haben überall äusserst engagierte Mitarbeitende angetroffen, die sich sehr um ein menschliches Klima bemüht haben, die das Gespräch gesucht haben und sich mit viel Mitgefühl um die Probleme und Anliegen der Patientin gekümmert haben. Die ÄrztIn, die meine Partnerin operiert hat, hat sich sogar ein paar Tage nach dem Eingriff telefonisch nach dem Befinden erkundigt.  Diesen Menschen gilt unsere Bewunderung und ihre Arbeit könnte weit besser zur Geltung kommen, wenn auch die Prozesse besser auf die PatientInnen fokussiert würden.

Kommentare erwünscht

Wir vom mediX-Blog sind natürlich interessiert, was Sie, liebe LeserIn denken? Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Haben Sie Ideen, wie man die Kommunikation zwischen behandelnden ÄrztInnen und PatientInnen verbessern könnte? Kommentieren Sie diesen Beitrag doch einfach im Kommentarfeld.

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2 Kommentare zu Ambulant oder stationär – eine viel diskutierte und wichtige Frage

  1. Oda Müller sagt:

    Vielen Dank für diese wertvollen Informationen. Ich war selber noch nie in einer derartigen Situation – aber man weiss ja nie…

  2. Oda Müller sagt:

    Vielen Dank für diese wertvollen Informationen. Ich war selber noch nie in einer derartigen Situation – aber man weiss ja nie….

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