Also doch: die PatientIn im Zentrum

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Eigentlich habe ich immer geglaubt, dass ich als Patient im Zentrum aller medizinischen Bemühungen und Tätigkeiten stehe. Vielleicht war das aber auch nur so, weil ich als mediX-Patient der ersten Stunde nichts anderes kennen gelernt habe – seit ich mich wegen Umzugs von meinem langjährigen Hausarzt getrennt habe.

Informierte PatientInnen entscheiden selbst

Nun musste ich am FMC-Kongress (Forum Managed Care) zur Kenntnis nehmen, dass die patientenorientierte Medizin eine eher neue Erscheinung sei und noch viel «Luft nach oben» habe. die Sprechstunde sei in Zukunft noch mehr als Hör- und Fragestunde zu verstehen, denn nur wer zuhören könne, sei auch in der Lage, die Anliegen und Bedürfnisse der PatientInnen ins Zentrum zu rücken. ÄrztInnen müssten vermehrt Zusammenhänge erklären, Alternativen aufzeigen und Aus- und Nebenwirkungen darstellen. Denn am Ende entscheide immer häufiger die PatientIn.

Krebskranke ernst nehmen

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Noch 1960, meint Dr. Christa Baumann, Fachärztin FMH für Innere Medizin und Onkologie vom Lindenhofspital in Bern in Ihrem Einführungsreferat, habe der bevormundete Patient und das Patriarchat des Arztes den medizinischen Alltag geprägt, gefolgt in den 70er Jahren vom informierten Patienten und Ärzten, die sich mit Rechtsschutz vor unliebsamen Folgen absicherten. Erst in den 80ern habe es dann erste Anzeichen gegeben für mehr Mündigkeit unter den Patienten und damit auch verstärkte Information durch die Ärzte.  Ab dem Jahr 2000 und mit der explodierenden Informationsflut im Internet und über soziale Medien spreche man nun von kompetenten PatientInnen, die auch Mitverantwortung zu tragen bereit seien. Dies aber sei Voraussetzung für eine patientenzentrierte Medizin. Mehr über Baumanns Arbeit mit krebskranken PatientInnen finden Sie ihren Unterlagen zu ihrem Referat (hier als PDF downloaden).

Dr. Baumann leitet seit 2010 das von ihr aufgebaute Onkologie- und Hämatologie-Team Prolindo, das ihre Krebs-PatientInnen als ganzen Menschen ins Zentrum stellt. Prolindo bietet in Ergänzung zur Medizin, die sich auf die Therapie der Krankheit konzentriert, Patientenkompetenzberatungen an. Dadurch werden die Patientinnen und Patienten unterstützt, ihren persönlichen Beitrag zur Krankheitsbewältigung zu leisten.

Tagung zeigt interessante Ansätze

Trotz einer also noch jungen Geschichte der «kompetenten PatientIn» waren die an der Tagung gezeigten Modelle und Beispiel eindrücklich. Angefangen vom bereits erwähnten Krebs-Projekt von Dr. Christa Baumann, das die Patientenkompetenz fördert, damit die schwerkranken PatientInnen sich den Herausforderungen der Erkrankung stellen, sich auf die eigenen Ressourcen zur Krankheitsbewältigung besinnen und sie nutzen, dabei auch persönliche Bedürfnisse berücksichtigen, eigene Zielvorstellungen verfolgen und Autonomie wahren können.

Selbst entscheiden, wo man sterben möchte

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Über das Projekt «NOPA – weniger Blaulicht am Lebensende» , das an der Tagung von Projektleiter Dr. med. Andreas Weber präsentiert wurde, habe ich ja bereits berichtet (Notfallplanung für Schwerstkranke). In diesem Projekt geht es darum, schwerstkranken Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen würdigen Tod zu ermöglichen, so wie sie ihn sich vorgängig im Rahmen der Notfallplanung mit ihrem Arzt geplant haben.

Informatik kann PatientInnenzentrierung fördern

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Prof. Dr. Antoine Geissbühler zeigte im Verlauf des Nachmittags, wie der Kanton Genf dank eHealth die Patientenzentrierung entlang des Behandlungspfades fördert. Sein Referat zeigte deutlich, welche wichtige Rolle in diesem Zusammenhang die Informatik spielt und in Zukunft noch vermehrt spielen wird. Seine Präsentation (in französischer Sprache) finden Sie hier.

Das elektronische PatientInnen-Dossier kommt

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Adrian Schmid schliesslich führte aus, welches die Erfolgsfaktoren bei der Einführung des elektronischen Patientendossiers sind – und wie dieses zu mehr Patientensicht führt. Das elektronische Patientendossier ist ein in den letzten Monaten in den eidgenössischen Räten heftig debattiertes Grundlagenprojekt für eine vermehrte Vernetzung von PatientInnendaten. Dessen Einführung wurde am 19. Juni 2015 von National- und Ständerat mit deutlicher Mehrheit beschlossen. Diese föderale Vernetzung von Patientendaten unter einem Dach soll gemäss e-health-suisse bereits 2017 umgesetzt sein. Mehr darüber finden Sie hier.

Optimistisch für die Zukunft der patientInnenzentrierte Medizin stimmt das Zitat von Frau Dr. Christa Baumann von Prolindo: «Das Geld ist selten ein Problem, wenn es sich wirklich um eine gute Idee handelt.» Hoffen wir, dass es so bleibt.

Den ausführlichen Tagungsbericht in Form des FMC-Newsletters können Sie sich hier als PDF downloaden.

Wieder einmal habe ich die Gelegenheit genutzt, im Rahmen der Tagung ein paar Stimmungen und Gesichter aus der MedizinerInnen-Szene einzufangen. So kann ich Ihnen hier noch ein paar Impressionen vom Kongress liefern:

Mehr über das FMC (Forum Managed Care) finden Sie übrigens auf dessen Website.

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