Wer schlecht hört wird eher krank

Über 360 Millionen Menschen weltweit leiden unter Hörschwäche oder sind von Hörverlust betroffen. Damit gehört der Verlust der Hörfähigkeit zu den bedeutenden medizinischen Problemen unserer Zeit. Neben der Tatsache, dass schlechtes Hören im Alltag ohnehin mit erheblichen Problemen verbunden sit, kann es – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen – zu kognitiven und funktionellen Beeinträchtigungen führen. Diesem Thema hat sich kürzlich der Interacademy Medical Panel (IAMP), der weltweite Dachverband der Medizinischen Akademien, gewidmet.

Bei Kindern besonders schwerwiegend

Hörverlust kann bei Kindern zu irreversiblen sprachlichen, intellektuellen, social und emotionalen Entwicklungsstörungen führen, besonders wenn er später als im Alter von 6 Monaten festgestellt wird. Ohne entsprechende medizinische Intervention in den ersten Lebensmonaten führt er zu gestörter Entwicklung des Kindes oder sogar zu unerwünschten Entwicklungen im Gehirn, die oft mit späteren Rehabilitationsprogrammen nicht mehr kompensiert werden können. Während so genannte Cochlear-Implantate in den letzten Jahren einen äusserst positiven Einfluss auf die Zukunftsaussichten von taubgeborenen Kindern erwiesen haben, sind diese nur für einen sehr kleinen Teil der Kinder als bezahlbar und sind auf eine Früherkennung der Krankheit angewiesen. Massnahmen zur Prävention, Früherkennung und medizinische Interventionen sind daher äußerst wichtig.

hören

Zwei Drittel aller Menschen über 70 Jahren betroffen

Bei älteren Erwachsenen gilt Hörverlust im Allgemeinen als unvermeidliche Nebenerscheinung des Älterwerdens. Allerdings gilt es zu bedenken, dass immer mehr Untersuchungen darauf hindeuten, dass der Verlust der Hörfähigkeit im Alter verbunden isst mit einem grösseren Risiko, an Demenz und Invalidität zu erkranken. Medizinische Bestrebungen, Hörverluste im Alter zu adressieren und Rehabilitationsmassnamhen einzuleiten kann daher einen tiefgreifenden Einfluss haben auf die Gesundheit und die Selbständigkeit älterer Menschen und damit von grossem gesellschaftlichen Nutzen sein.

Denn Hörverlust ist weit verbreitet und rund zwei Drittel aller Menschen über 70 Jahren sind davon betroffen. Die Studien zeigen, dass diese Krankheit häufig verbunden ist mit beschleunigter Abnahme der Wahrnehmung- und Bewegungsfunktionen, z.B. in Form von zwei- bis fünffachem Risiko dement zu werden, aber auch mit höheren Hospitalisierungsraten und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und mit reduzierter Lebenserwartung. Dabei wird oft auch eine sogenannte «Pseudodemenz» beobachtet, bei der ein manchmal nicht diagnostizierter Hörverlust zu demenzähnlichen Erscheinungen führt.

Ohr

Hörverlust mehr und mehr im medizinischen Fokus

Die globale Last, die mit dem Hörverlust verbunden ist, hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass dieser vermehrt in den medizinischen Fokus gerückt ist. So hat die World Health Assembly schon 1995 eine Resolution beschlossen, in der die Mitgliedstaten aufgefordert werden, Pläne und Strategien zu entwickeln, um Hörkrankheiten und Hörprobleme zu verhindern, zu identifizieren und Massnahmen dagegen zu ergreifen. Ein WHO-Bericht vom März 2014 hat untersucht, welche Länder weltweit entsprechende Ressourcen bereitgestellt haben und hat festgestellt, dass von den 76 antwortenden Ländern gerade mal 32 entsprechende Programme entwickelt haben.

Es sei daher wichtig, dass die globalen Bestrebungen intensiviert würden, um das Bewusstsein um die Bedeutung von Hörproblemen zu steigern und entsprechende Aktivitäten zu initiieren.

Empfehlungen der IAMP

Der Bericht der IAMP schliesst mit einer Reihe von Empfehlungen und der Forderung nach vermehrter Forschung, insbesondere im Bereich der kostengünstigen Massnahmen.

Um die Belastung der öffentlichen Gesundheit durch Hörverluste zu reduzieren, sei es nötig, das Problem global zu adressieren und mit einer Vielzahl von Schritten. Daher ruft die  IAMP und ihre Mitgliederakademien Regierungen und andere Gesundheitsanbieter auf,

  • die medizinische Versorgung in diesem Bereich zu verbessern,
  • sicherzustellen, dass die öffentliche Gesundheitsversorgung auf die Ursachen des Hörverlustes fokussiert
  • sich auf das Thema Hörverluste bei Kindern und Erwachsenen zu konzentrieren und den Unterschieden zwischen Gruppen Rechnung zu tragen.
  • das Thema auch in der Erziehung zur Sprache zu bringen
  • Forschungs- und Innovationsprogramme zum Thema Hörverluste zu etablieren

Konklusion der IAMP

Hörverlust sei ein häufiger und oft verhinderbarer Grund für funktionale und kognitive Probleme. Das Vorgehen gegen Hörverlust sei eine globale Herausforderung für das Gesundheitswesen, welche neue Forschungs- und Behandlungsressourcen, Erziehungsprogramme und interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordere. Es brauche eine konzertierte Aktion in den oben erwähnten fünf Kernbereichen, um in Zukunft das Leben von Menschen zu erleichtern, die unter Hörverlust leiden und damit gleichzeitig auch die Gesundheitskosten und -Probleme zu reduzieren.

Wer das vollständige Paper des IAMP lesen möchte (englischer Originaltext), kann ihn hier als PDF downloden.

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