Für unser Gehör tun wir zu wenig

Von Dr. Luca Mastroberardino, Sprecher des Verbandes der Hörgerätelieferanten der Schweiz

Unser Gehör ist der Schlüssel zum Sozialleben und das einzige Sinnesorgan, das für unsere Sicherheit ununterbrochen aktiv ist. Trotz dieser Wichtigkeit gehen wir recht sorglos mit dem Hören um. Zwar zeigt eine repräsentative europäische Studie, dass tendenziell weniger Schweizer unter einer Hörminderung leiden als die Menschen in anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig lassen aber auch weniger Schweizer ihr Gehör testen und unterschätzen die negativen Folgen für Privatleben, Berufstätigkeit und Gesundheit.

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Man macht sich kaum bewusst, was unser Gehör 24 Stunden am Tag leistet. Denn es ist das einzige Sinnesorgan, das ununterbrochen arbeitet. Egal, ob wir wach sind oder schlafen, ständig leiten unsere Ohren Schallimpulse weiter. Im Gegensatz zu unseren Augen, die sich nur nach vorne orientieren, erlaubt das Gehör eine 360 Grad Informationsaufnahme. So können wir zum Beispiel im Strassenverkehr wahrnehmen, wenn sich etwas von hinten nähert.

HörenBeidseitiges Hören ist aber nicht nur wichtig, um uns vor Gefahren zu warnen. Hören ist die Bedingung, dass wir lernen zu verstehen und zu sprechen – die Grundlage für die Kommunikation untereinander. Das Gehör ist somit ein wichtiger Schlüssel zum sozialen Leben. Dennoch gehen wir relativ sorglos mit ihm um und setzten es meist ungeschützt der Belastung durch Lärm in der Arbeitsumgebung oder im Privatleben aus: Wer sich vor konstantem Lärm über 85 dB nicht schützt, schädigt seine Hörfähigkeit.

Nicht nur eine Frage des Alters

Dass Hörminderungen keine Seltenheit sind, zeigt die Auswertung der EuroTrak 2015 Studie. Hier gibt jeder zehnte Schweizer Erwachsene an, Hörprobleme zu haben. In der Gesamtbevölkerung sprechen 8% von einer Hörminderung – ein Durchschnittswert mit dem die Schweiz im Vergleich zu Deutschland (12.1%), England (9.7%) oder Frankreich (9.3%) noch recht gut dasteht. Im Umkehrschluss zu sagen, dass die Schweizer am besten hören, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Denn die Studie zeigt auch, dass die Menschen hierzulande vergleichsweise selten und nur unregelmässig einen Hörtest machen lassen.

Schwere Hörminderung

Ähnlich dem Sehen treten Hörverluste in jedem Alter auf. Zwar nimmt der Anteil Personen, die eine Hörminderung haben, erst ab 65 Jahre stark zu. Es zeigt sich aber, dass auch jüngere Altersgruppen bereits Probleme mit dem Hören haben. So geben in der Altersgruppe von 15-24 und 25-34 Jahre je rund 2 Prozent an, schlechter zu hören. Bei den 35-44jährigen sind es 3.5 Prozent und bei den 45-54jährigen klagen mehr als 5 Prozent über Hörprobleme. Auch hier zeigen sich starke Unterschiede zu den europäischen Nachbarn.

Liegen die Gründe für eine Hörminderung bei der älteren Generation meist im Alterungsprozess, sind es bei den jüngeren Verschleisserscheinungen durch starke Beanspruchung durch Umwelt- und Freizeitlärm. Je mehr man seinen Ohren zumutet, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit für Hörminderungen und umso früher treten sie auf. Altersschwerhörigkeit ist somit auch ein Resultat aller das Gehör belastenden Einflüsse über das gesamte Leben.

Weniger hören beeinflusst Gehirn

Dass ein Hörverlust im ersten Moment nicht so ernst genommen wird, könnte am schleichenden Prozess liegen. Gehen zuerst nur die hohen Frequenzen verloren, verringert sich mit zunehmender Dauer das gesamte Hörspektrum. Meint man anfangs noch, dass die Gesprächspartner undeutlich sprechen, stellt man irgendwann fest, dass man selbst undeutlicher hört. Zwar leidet eine Mehrheit der Betroffenen in der Schweiz „nur“ unter einer milden bzw. moderaten Hörminderung, diese bedeutet aber bereits einen Hörverlust von 20-60%.

Mit der Versorgung einer Hörminderung sollte man nicht warten, bis diese sich zu einem unerträglichen Mass gesteigert hat. Denn bereits bei einer geringen Hörminderung verliert das Gehirn die Fähigkeit, Geräusche zu unterscheiden, d.h. relevante von irrelevanten zu trennen. Dies führt dazu, dass Stimmen oder Geräusche in Alltagssituationen nicht mehr herausgehört werden können. Hinzu kommt, dass sich das Gehirn an das weniger Hören gewöhnt. Da die eigentliche akustische Wahrnehmung hier stattfindet, führt eine lange unbehandelte Hörminderung dazu, dass die für die Verarbeitung verantwortlichen Hirnareale andere Aufgaben übernehmen. Sie stehen dann für gewisse Tonfrequenzen nicht mehr zur Verfügung und man verlernt das Hören. Im schlimmsten Fall ist dies irreversible, das heisst auch ein Hörgerät kann nicht mehr helfen.

Geringere Diskriminierung  in der Schweiz

Wer weniger hört, hat Probleme Unterhaltungen zu folgen und entsprechend mühsamer wird die Kommunikation. Für Betroffene mit einer unbehandelten Hörminderung wirkt sich dies auf das persönliche Wohlbefinden und gegebenenfalls die Gesundheit aus. Denn die permanente Unsicherheit, ob man alles richtig verstanden und angemessen reagiert hat, führt zu Stress und Betroffene neigen dazu, sich zurückzuziehen. Hinzu kommt, dass Menschen ihr Hörgerät oft als Manko und Grund für Ausgrenzung durch Dritte sehen, doch die Studie zeigt auf, dass diese Befürchtungen unbegründet sind.

Hörgeräte sind in der Schweiz besser akzeptiert als in den Vergleichsländern, denn nur 15% der Hörgeräteträger sagen aus, ab und zu gehänselt zu werden. In Grossbritannien, Deutschland und Frankreich liegt diese Quote bei jeweils 26%. Problematisch scheinen eher unbehandelte Hörminderungen zu sein. Sprechen in der Schweiz 55% davon, ab und zu verspottet zu werden, sind es in den anderen Ländern 71%.

Zusätzlich zeigt die Studie, dass Personen mit versorgter Hörminderung sich abends weniger erschöpft fühlen und besser schlafen können als Personen ohne Hörgerät. Das Tragen eines Hörgerätes beeinflusst also weit mehr als nur die reine Behebung der Hörminderung. Über 95% der Hörgeräteträger geben in der Studie an, dass sich das Tragen eines entsprechenden Gerätes sowohl im Privat- als auch im Berufsleben spürbar positiv auswirkt.

Letzter Hörtest

Die Auswirkungen im Berufsalltag werden von Hörgeräteträgern und Nichtträger unterschiedlich bewertet. Gemäss der Meinung von Berufstätigen mit Hörgerät schränken Arbeitnehmer mit unbehandelter Hörminderung ihre Arbeitsmarktfähigkeit ein. Und damit die Wahrscheinlichkeit, den gewünschten Job und ein angemessenes Gehalt zu bekommen als auch regelmässig befördert zu werden. Dem stimmen auch Arbeitnehmer mit unbehandelter Hörminderung zu, wenn auch nicht im gleichen Ausmass.

Wird weniger hören ignoriert?

Ist eine Hörminderung erkannt, lassen sich längst nicht alle untersuchen beziehungsweise behandeln. Die Adaptionsrate, d.h. die Anzahl Personen, die ein Hörgerät tragen, variiert in der Schweiz stark nach Altersgruppe: Liessen 54% der über 65-Jährigen ihren Hörverlust versorgen, sind es in der Altersgruppe 45-64 Jahre noch knapp 25% und bei den unter 44-Jährigen nur noch rund 18%. Es stellt sich die Frage, ob weniger hören von vielen einfach akzeptiert wird, denn die Schweizer Bevölkerung scheint sich nur ungern einem Hörtest zu unterziehen. Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz bei der Betrachtung, welcher Bevölkerungsanteil in den letzten fünf Jahren einen Hörtest gemacht hat, hinter Grossbritannien, Deutschland oder Frankreich. Zum Vergleich: Waren es in der Schweiz 23%, so gingen in Deutschland 45% der Bevölkerung in diesem Zeitraum zu einem Hörtest. 44% der Schweizer geben gar an, noch nie einen Hörtest gemacht zu haben.

Die Sozialversicherungen beteiligen sich

Was eine Mehrheit der Betroffenen nicht weiss: Wird ein Hörproblem ärztlich attestiert, haben Betroffene einen Anspruch auf einen finanziellen Beitrag durch die Invalidenversicherung (IV). Dies, wenn die Hörminderung einen gewissen Schweregrad übersteigt. Die IV zahlt unabhängig vom Preis des Hörgerätes eine fixe Pauschale für ein Hörgerät beziehungsweise für je eines für jede Seite. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre gelten separate Bestimmungen wie auch höhere Pauschalen. Ausserdem bezahlt die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) Beiträge an Pensionierte.

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Ein Kommentar zu Für unser Gehör tun wir zu wenig

  1. Andy sagt:

    Es sind ja nicht nur die Ohren für die wir Zuwenig tun. Es ist doch eigentlich der ganze Körper. Wer weiß denn noch wann er den letzten Seh- bzw. Hörtest gemacht hat. Den Termin der letzten Autoinspektion weiss fast jeder

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