Stoppt den Krieg gegen Übergewicht

Mit einem für die Schweizerische Ärztezeitung schon fast reisserischen Titel „Stop the War on Obesity“ hat kürzlich Prof. em. Jean-Claude Vuille im so genannten „Gelben Heftli“ aufgezeigt, warum aus seiner Sicht öffentliche Kampagnen gegen Übergewicht – und andere chronische Krankheiten – wenig nützen und sogar kontraproduktiv sind.

Fettleibigkeit sei nicht mit Kampagnen in den Griff zu bekommen

Fettleibigkeit (Obesity) ist der Vorläufer zahlreicher chronischer Krankheiten, welche heute für rund 80 Prozent der gesamten Gesundheitskosten verursachen. Seit den 1980er Jahren hat die Häufigkeit von Übergewicht in der Welt drastisch zugenommen. Verständlich also, dass öffentliche Verwaltungen und Politiker gerne nach Kampagnen rufen, mit denen das Problem gelöst werden soll. Bisher hat es aber gemäss Vuille noch kein Land geschafft, das Phänomen in den Griff zu bekommen, das sich vermeintlich ganz einfach damit erklärt, dass die Menschen immer mehr essen und sich immer weniger bewegen.

In seinem Artikel in der SÄZ will Vuille eine Debatte anregen über die Frage, ob offizielle Aufrufe zur individuellen Verantwortung im Gesundheitsbereich eine diskriminierende Wirkung haben und sogar kontraproduktiv sein können. Statt Kampagnen zur Prävention durch individuelle Verhaltensänderungen plädiert Vuille für  kontextuelle Prävention auf allen Ebenen.

An der Regulation des Körpergewichts ist der ganze Organismus beteiligt

Gemäss Vuille reagiere das Gehirn als Steuerungzentrale, die viele Inputsignale empfange und Outputsignale aussende. Dabei kämen eine Reihe von Hormonen ins Spiel: Thyroxin, das Hungerhormon Ghrelin, das Sättigungshormon Leptin, Adiponectin, Insulin, Somatostatin, Glukagon, Cortisol u.a.

Bei Adipösen wurden insbesondere die folgenden Unterschiede zu Normalgewichtigen nachgewiesen:

  • Mikrobiom: Die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora ist bei Adipösen weniger vielfältig als bei Normalgewichtigen.
  • Leptin-Resistenz: Das Hormon Leptin wird hauptsächlich von Adipozyten exprimiert. Es unterdrückt im Gehirn das Hungergefühl.
  • Thermogenese vs. Fettspeicherung: Bei den meisten Erwachsenen, auch bei Adipösen, bleibt das Körpergewicht über längere Zeiträume ziemlich konstant. Diese Konstanz kann mit dem einfachen Energiebilanzmodell (Nahrungskalorien minus Grundumsatz minus Muskelaktivität) nicht erklärt werden.

Schlussfolgerungen für die Praxis

Das erste Gebot der Medizin im Falle mangelnder Evidenz heisst «primum nil nocere». Das bedeutet für das öffentliche Gesundheitswesen Verzicht auf jegliche Massnahmen, welche die Betroffenen stigmatisieren. Dazu gehören alle Kampagnen, welche sich direkt an die einzelnen Menschen richten und sie zu einer gesünderen Lebenshaltung nötigen. Diese Art von Verhaltenspräunwirksam ist erwiesenermassen nicht nur unwirksam sondern direkt kontraproduktiv. Bei Durchsicht der aufgelisteten Risikofaktoren ergeben sich aber viele Ansatzpunkte für die Verhältnisprävention.

Wenn Sie wissen möchten, wie Prof. Cuisse dem Problem zu Leibe rücken möchte, so können Sie hier den ganzen Artikel als PDF herunterladen.

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