Sollen PatientInnen Einsicht haben in Arztnotizen

Kürzlich hat das Online-Branchenmagazin medinside ein interessantes Thema zur Debatte gestellt: die Frage nämlich, ob eine PatientIn stets Einblick haben soll in alle Notizen des Arztes – ob in der Sprechstunde oder nach der Sprechstunde. Die Idee sei verblüffend, heisst es im Artikel zu diesem Thema. Für Ärztinnen hat diese Vorstellung vielleicht noch etwas Bedrohliches. Sie können sich kontrolliert fühlen, eingeschränkt in ihrer Tätigkeit oder gar bedroht von dieser Form totaler Transparenz.

Durchwegs positive Erfahrungen

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung von Forschern in Deutschland und den USA, zeigt aber, dass die Idee offenbar über eine Reihe sehr positiver Aspekte verfügt. Erhalten PatientInnen nämlich vollen Zugriff auf ihre medizinischen Befunde und die Notizen des Arztes, verbessere dies die Arzt-PatientInnen-Beziehung erheblich. «Wir waren wirklich baff, als wir die Daten ausgewertet haben», sagt einer der beteiligten Mediziner, Tobias Esch von der Universität Witten Herdecke, gegenüber dem deutschen Fachdienst „Messcape“.

Open Notes als Plattform für Transparenz

In den USA gibt es dafür bereits die Internetplattform „Open Notes“, über welche die ÄrztInnen Ihre Notizen mit Ihren PatientInnen teilen können und das heute bereits über 5 Millionen PatientInnen beteiligt. Dieses Beispiel zeigt, dass mehr Transparenz auch zu mehr Verständnis für die ärztliche Arbeit und de therapeutischen Massnahmen fördert.

«Dadurch, dass die Patienten alles noch einmal nachlesen und auch die Notizen der Ärzte online einsehen können, haben sie die Möglichkeit, sich noch intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, etwas noch einmal nachzulesen oder mit Angehörigen und Bekannten darüber zu sprechen», so eine Erklärung von Tobias Esch.

Mehr Verständnis für die Entscheide der ÄrztIn

Gemäss der Studie sind dies die wichtigsten Ergebnisse:

  • Während bekanntlich etwa die Hälfte der Patienten beim Arztbesuch nicht genau versteht, was besprochen wird, haben die «Opennotes»-Patienten durchwegs das Gefühl, den Arzt verstanden zu haben.
  • Dass die Patienten dank der Digital-Akte auch die grossen Linien ihres Krankheitsverlaufes ablesen konnten, wirkte für eine grosse Mehrheit vertrauensbildend.
  • Mehrheitlich gaben die Patienten an, dass sich mit Opennotes das Verhältnis zum Arzt verbessert habe.
  • 77 Prozent der Patienten meinten, nun eine grössere Kontrolle über ihre Behandlung zu haben als zuvor.
  • Eine Zweidrittels-Mehrheit konnte durch das Programm ihre Medikation korrekt oder besser dosieren.
  • Einige Patienten gaben zudem zu, zuvor Informationen zum Schutz ihrer Privatsphäre zurückgehalten zu haben. Erst durch die Opennotes-Zusammenarbeit und die Einsicht in die Unterlagen sei ihnen klar geworden, dass diese Informationen zur Behandlung wichtig seien.
  • Besonders bemerkenswert: Fast alle Befragten fanden mindestens einmal einen Irrtum oder ein Missverständnis in den Unterlagen, das sie dank der freien Zugänglichkeit schnell korrigieren lassen konnten.

Die vollständige Untersuchung der Auswirkungen der Offenlegung von Arztnotizen in Englisch finden Sie hier; eine deutsche Zusammenfassung können Sie auf der Website der Universität Witten Herdecke nachlesen.

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Ein Kommentar zu Sollen PatientInnen Einsicht haben in Arztnotizen

  1. Adrian Müller sagt:

    Der erste Schritt ist eine zentrale
    Medikationsplattform, wo alle aktuellen und früheren Medikamente in Dosierung NW Einnahme resp.Abgabe dokumentiert ist. Ich glaube nicht, dass die vollständige Einsicht auch in die Sprechstundennotizen (die offiziellen Berichte sind ok) etwas bringt außer viel Ärger und nachfragen. Die HausarztMedizin wird dadurch noch administrativ aufwändiger wenn man jedes Wort dreimal abwägen muss bei einfachen Kontrollen und jedes Mal auf eine Diskussion gefasst sein soll. Es ist schon heute genug aufwändig all diese Spezialistenberichte den Patienten erklären zu müssen

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